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Proust-Abend
der Freunde toter Dichter, 24. Februar 1997
PROUSTS ROMAN AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT
Eine Bemerkung vorab:
Warum werden wir uns heute Abend nur mit dem Romanuniversum
A la recherche du temps perdu begnügen? Schrieb Proust nicht
auch anderes? Den ersten Romanversuch, Fragment geblieben, erst
1952 veröffentlicht: Jean Santeuil; Les plaisirs et les jours,
die Erzählungen des Fünfundzwanzigjährigen; Übersetzungen von
Werken des englischen Kunsttheoretikers Ruskin: La Bible d'Amiens
und Sésame et les lys; die Schrift über das Lesen: Sur la
lecture; die Parodien französischer Vorgänger: Pastiches et
Mélanges. (Und übrigens schrieb Proust gern für Zeitungen, Salons,
und kunst und literaturtheoretische Arbeiten, beispielsweise den
Contre SainteBeuve, in dem er sich gegen dessen Literaturtheorie
wendet.)
Diese Veröffentlichungen sind, man darf es ruhig so sagen, Vorprodukte des großen Romans,
wenn auch nicht ohne eigenständigen
Reiz, wenn auch nicht ohne ihre eigene Existenzberechtigung.
Ganze Passagen gehen, überarbeitet oder fast wörtlich, aus dem
Jean Santeuil später in den ausufernden und doch so komponierten
Roman und der selbst doch, genau betrachtet, auch ein Fragment
blieb, wenn auch ein gigantisches ein. Und uns fehlt es auch an
der Zeit, um uns eindringlicher den Schriften aus der Zeit vor
dem Roman über die verlorene Zeit zu widmen. Übrigens habe ich eben
die ersten kurzen Erzählungen Prousts vergessen: er begann als
Siebzehnjähriger in einer Schülerzeitschrift, der Revue Lilas.
Wo beginnen? Mit dem Anfang. Aber fängt der Roman mit dem
elegischen Titel am Anfang an oder am Ende? Eine Frage, die
dem Leser oder dem, der ein Leser werden möchte, seltsam vorkommen
mag. Aber wenn der Leser gelesen hat, wird er sie anerkennen.
Und auf die Antwort wird gleich heute, hier, hingedeutet werden.
Später. Wenn etwas Zeit vergangen sein und hoffentlich nicht als
verloren empfunden werden wird.
Aus der Recherche diesen Titel, diesen Begriff will ich für
die nächsten zwei Stunden verwenden vorzulesen ist ungefähr so,
als wolle einer drei oder vier Kellen Wasser aus dem Meer schöpfen,
aus jenem Meer, zu dem uns zu Anfang des Abends Debussy geführt hat,
um es einem Weltunerfahrenen, der es nie sah, zeigen zu können.
Nun, vielleicht auch nicht; sonst würde ich Ihnen nicht daraus
vorlesen wollen. Ich will die Hürden nicht höher machen, als sie
zu sein scheinen. Scheinen.
Und vorgelesen habe ich ja nun schon. Die Musik übrigens, Debussy,
die vorhin verklang, wird auch auf der Soirée der Mme Verdurin
gespielt; dort heißt der Komponist Vinteuil, und er hat Züge von
César Franck; die Sonate, die wir hier in der Pause hören, ist in
der Recherche von einiger Bedeutung. Proust schreibt am 19. April
1913 an Antoine Bibesco, einen seiner Freunde: Lieber Antoine,
starke Ergriffenheit heute abend. Obgleich ich halbtot war, bin ich
dennoch in einen Konzertsaal in der Rue du Rocher gegangen, um
die Sonate von Franck zu hören, die ich so sehr liebe, nicht um
Enesco zu hören, den ich nie zuvor gehört habe (sicissime). Also
ich fand ihn w u n d e r b a r ; die schmerzlichen Klagetöne
seiner Geige, das bebende Flehen antworteten einem Klavier, das
wie aus einem Baum, aus einem geheimnisvollen Laubdach .... Es
geht noch ein wenig weiter. Renate Wiggershaus erläutert dazu:
Marcel Proust hatte an jenem Abend nach Brahms und Beethoven
die Sonate für Klavier und Violine ADur von 1886 von César Franck
(1822 1890) gehört. Die zyklische Form, die so typische Wiederkehr
derselben Themen und Motive in fast allen Sätzen bei César
Franck das war etwas, was Prousts eigener literarischer Technik
entsprach. Das kleine Thema aus dem Andante in fis einer Sonate
von Vinteuil durchzieht leitmotivisch die ganze Recherche. Es wird
zur Nationalhymne der Liebe von Charels Swann und Odette de
Crécy.
Wir können uns also fast wie schon im Roman zuhause fühlen, ein
wenig, ein wenig auch in jener Zeit, auf dass wir die unsere etwas
verlören und schließlich wiedergewönnen, so gegen 22.30 Uhr.
Proust ließ auch eine andere Musik in sein Werk hineinspielen.
So: Zweifellos unterschied sich das rötlich aufstrahlende Septett
in eigenartiger Weise von der weißen Sonate, die schüchterne
Befragung, auf welche das kleine Thema antwortet, von dem keuchenden
Ringen um die Erfüllung des sonderbaren Versprechens, das so scharf,
so übernatürlich, so kurz nur aufgeklungen war und die noch unbelebte Röte
des Morgenhimmels über dem Meer zum Erschauern brachte.
Hier sind wir also auf der Soirée der Mme Verdurin, dieser Muse
des WagnerKults und der Migräne zugleich, und Marcel, das
erzählende Ich, ist schon viele Jahre in die verlorene Zeit hinein
gegangen, und das Konzert endet, acht Seiten danach, so: Endlich
siegte das freudige Motiv; es war jetzt nicht mehr ein fast angst
voller, hinter einem leeren Himmel aufklingender Appell, sondern
eine unsägliche Freude, die aus dem Paradies zu kommen schien, eine
Freude so verschieden von der Sonate wie von einem sanften, ernsten
Engel Bellinis, der die Theorbe spielt, ein in Scharlach gekleideter
Erzengel Mantegnas, der in die Drommete stößt."
Erinnern Sie sich?
Gegen Schluss dieser Soirée am Quai Conti wir sind in Paris und
schon fast im zehnten Jahr der erzählungsinternen Zeit wird Baron
de Charlus, auf den wir, seine ehemalige Stellung in der sogenannten Großen Gesellschaft bedenkend,
noch ein besonderes Augenmerk richten
wollen, von der Gastgeberin, Mme Verdurin, einer Dame der neureichen
Bourgeoisie, voller Wut denn Charlus hat sie nach dem Gelingen
der Soirée mit seiner vollendeten Herablassung bis aufs Blut gereizt
mit einer Intrige gestürzt werden; sie bedient sich dafür des
Violinisten Morel der vorhin noch so schön Vinteuils Septett gespielt hat
und seines Ehrgeizes, Karriere zu machen, indem sie ihn
scheinbar wohlwollend über Charlus gefährdeten Ruf und nicht minder
gefährdete Finanzen aufklärt; denn Morel ist Charlus junger Lover,
sagen wir heute dazu. Und ich sage jetzt schon: das alles muss man
selber gelesen haben.
Zurück wie beginnt alles?
Wir waren schon in Combray, haben das Drama des Zubettgehens beobachtet.
Also ein Überblick, ein weiter Blick über die Landschaft der verlorenen Zeit,
die, als schon ein Leben vertan zu sein scheint, wiedergefunden wird.
Einige Worte zunächst zur Erzählperspektive: Hier in diesem Roman
sprechen zwei Ichs: ein sich erinnerndes und ein erinnertes; der
Erzähler (den mit Proust gleichzusetzen uns nicht gestattet ist)
und Marcel. Manchmal weiß der Leser kaum, wer da nun spricht,
berichtet, erzählt. Wir vereinfachen und stellen fest: Der Erzähler
versetzt sich ab einem bestimmten Punkt der erinnerten Zeit in die
Perspektive dessen, der er mal gewesen ist und schildert uns als
Marcel seinen Weg und tut so, als wüsste er im folgenden nicht,
welche Begebenheiten ihm zustoßen werden. Dennoch ist er da; er
kommentiert, er springt mal vor, mal zurück. Plötzlich ist er wieder
für eine gewisse Erzählzeit nur Marcel.
Die rätselhafte Frage Sie erinnern sich? bekommt in diesem Zusammenhang
ihre Antwort: Den ganzen Roman hindurch fragt Marcel
sich, ob er je fähig sein werde, ein Schriftsteller zu sein und
ein Buch zu schreiben am Ende, auf der Matinée der Prinzessin
von Guermantes, die wir schon kennen, denn viele Jahre nach ihrer
Soirée und der Geschichte mit Baron Charlus ist Mme Verdurin, die
sich immer so betont von der Aristokratie unterscheiden wollte,
selber eine Aristokratin der letzten Stunde sozusagen geworden,
am Ende also, auf ihrer Matinée, erkennt Marcel, dass er seinen
Roman, seinen Stoff, gefunden hat; eben dies Leben, das hinter ihm
liegt und das er verloren geglaubt hatte, und dass er diesen Roman
beginnen würde; gleich nach der Matinée, wenn er zuhause angekommen
sein würde, wird er den Rest seines Lebens ihm widmen. Und dieser
Roman ist jener, den der Erzähler, zu dem Marcel wird, nach
der Matinée, schon geschrieben hat.
Der Kreis hat sich geschlossen. Beginnt also der Roman der Suche
auf der verlorenen Zeit am Ende?
Zurück ... Zurück, und wie beginnts dann, oder wie begann es?
Das Kind Marcel kennen wir schon recht gut. Er hat eine Vorliebe
fürs Lesen; M. Swann, der Freund der Familie in Combray der
Sommerfrische der Familie von dem die ländliche Verwandtschaft
nicht ahnt, dass er Zugang zu den erlauchtesten Pariser Kreisen
hat, ermuntert den Knaben, den Schriftsteller Bergotte zu lesen.
Ein Leben lang wird Marcel sich mit Bergotte beschäftigen. (Bergotte
stirbt dann vor einem Bild von Vermeer und Proust, durch Asthma
und eine lebensgefährliche Grippe geschwächt, stirbt, nachdem er
noch einmal ausging, ein Museum aufsuchte, um ein letztes Mal
Vermeers Ansicht von Delft zu sehen; die kleine gelbe Mauerecke Bergottes,
die für diesen Schriftsteller eine eminente Bedeutung hat ...).
M. Swann hat zu diesem Zeitpunkt seine große Liebe schon hinter
sich; zwar hat er Odette, eine eher leichtlebige Dame, geheiratet
und die Qualen der Eifersucht kennengelernt, aber inzwischen
hat er längst erkannt, daß sie nicht einmal mein Genre war.
Swanns Tochter Gilberte ist die erste vergebliche Liebe des
noch sehr jungen Marcel. Begegnungen auf den Champs-Elysées.
Zuhause in Paris das Leben mit den Eltern und der Großmutter. Sie
ist eine sehr wichtige Person für ihn. Ihr Tod, später, bedeutet
eine Zäsur in seinem Leben.
Die Ferien der Jugendjahre heißen Balbec. Ein Strandbad
an der Küste der Normandie. Dort lernt er Leute kennen, auch Saint
Loup, den langjährigen Freund; dessen Onkel wiederum ist Palamède,
einer der Protagonisten des Adelsgeschlechts der Guermantes, deren
Sitz nahe Combray liegt; der Onkel wird Baron de Charlus genannt,
ein kleines Understatement dieses Herrn. Seltsame Begegnung der
unklaren Art mit ihm.
Der Maler Elstir hat sein Atelier in der Gegend. Dort wechselt
er die ersten Worte mit Albertine, die ihm inmitten einer Schar
etwas ungebärdiger Mädchen schon aufgefallen ist; sie wird seine
große Liebe, seine immer gefährdete Liebe werden, die er mit monomanischer
Eifersucht schließlich,viel später in Paris, als Gefangene
hält, bis sie ihm entflieht und durch einen Unfall ums Leben kommt.
Noch einmal brennt die von immerwährender Eifersucht hatte
Albertine nun lesbische Affären oder nicht? vergiftete Liebe
auf, noch einmal werden alle Stadien der Obsession erforscht.
Aber parallel dazu gewinnt Marcel Einblicke tiefe... in die
Welt der Guermantes. Ein Gaukelspiel der Täuschungen und Enttäuschungen
entwickelt sich. Was gilt, was zerbricht?
Die schwulen Abenteuer des Baron Charlus. Als Marcel endlich begreift,
in einer Szene, die zu den wichtigsten des Romans zählt,
und sie steht auch genau in dessen Mitte, welcher Welt der ihm längst
bekannte Baron angehört, ordnet sich ihm die ganze Welt neu.
Einladungen, Soirées. Marcels Blick schärft sich von Jahr zu
Jahr; die Desillusionierung setzt ihr Werk fort.
Er bewegt sich in der Gesellschaft, die ihn aufgenommen hat,
erkennt ihre Hohlheit, Verlogenheit, Unangemessenheit; reflektiert,
analysiert die feinsten Regungen des Verstands und des Gefühls.
Und trotz allem wächst auch ein tiefes Verstehen für die oft so
unverständlichen Leidenschaften und Unzulänglichkeiten des Menschen.
Und mit Albertine kommt er nicht klar. Wir werden davon hören.
Schließlich, nach ihrem Tod, zieht er sich zurück. Viele Jahre
sind vergangen, als er zurück nach Paris kommt, im Krieg. Fast
alles hat sich verändert. Er verfolgt heimlich eine sadomasochistische Szene
in einem schwulen Bordell: Baron Charlus in seiner
letzten Rolle als sich demütigender und erniedrigender alter Mann,
der sich seine Liebe aus dem Körper peitschen lässt.
Zum Schluss eine letzte Matinée. Nach Jahren wieder bei den
Guermantes. Marcel erfährt fünf Evokationen; fünf unwillentliche
Erinnerungen an die Jugend, an die frühe Zeit: plötzlich weiß er,
dass sein Leben nicht vertan ist, und dass er seinen Roman
schreiben können wird. Der Maskenball der Zeit tanzt vor ihm auf der
Matinée: all die alten altgewordenen Freunde und Bekannten ...
groteske Figuren, von der Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gezeichnet.
Und er selbst steht an der Schwelle zum Alter ... Aber
er wird schreiben, sich nicht mehr beirren lassen, nicht mehr
an sich zweifeln, und eines Tages, sofern die Kraft noch reicht
denn die Vorboten des Todes haben ihn schon aufgesucht ein kurzes
Wort darunter setzen:
FIN
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