[ VIIIb ]

Marcel Proust
Arbeitsnotizen zum Proust-Abend der "Freunde toter Dichter", 24.2.1997, Biberach an der Riss


______________________________________________________________________________________________________________________

26.9.96

PROUST-ABEND

- wer hat was über P. wann geschrieben?


27.9.

- Aufbau: (Musik?)

1) persönliche Begegnung mit P., der "Recherche"
( Sommer '74 / '73?), 15 min
literarisch
Erinnerung


2) "Recherche" 20 min


3) Briefe zum Leben, 15 min

(Musik ? ), 50 min

Pause


4) Zur Biografie / Überblick / Abriß, 10 min


5) "Kleines" (Pastiches etc), 15 min


(Musik ? )


6) 25 Min. "Recherche", 50 min
-------- ( Musik ? ), 110 min
+ 10 min Musik
-------- 120 min


26.11.

P.
*
- Anhand der "Recherche" erleben (jetzt), was in ihr steht.
*
- Eine Autobiographie auf indirekte Weise:
"Strauß"-Poem - Film - Lesung mit der Rockgruppe - Proust-Abend
- (Kino-Roman)


12.12.

- ... unerhörte Leichtigkeit des Stils ...

- César Franck: (Streich)Quartett in d-moll
---------------------------
- weitere Musik: Schumann, Ravel, Mozart, Beethoven (späte Str.quart.)
Violinsonate Franck (3. Satz)


12.12.

- S. 463 Painter II: "... daß Marcel wirklich jung aussah, wie neun undzwanzig ..." (1919 = 48 J.)
- Bemerkung von Raphael kürzlich, seine Begleiterin habe mich auf 29 geschätzt...


- gestern (11.), nach bald einem Vierteljahrhundert nach der ersten Lektüre, die "Recherche" gekauft.

- S. 464: Rue Hamelin 44: "P. bewohnte eine kleine möblierte Wohnung für 1600 Fr. Miete im fünften Stock (...)

--------------
"Den Kindern, die im Stock über ihm hin- und herrannten, schenkte er Hausschuhe aus Filz."
Sollte ich auch tun!

- "Proust-Cassette" (Musik) zusammenstellen


16.12.

- Enthüllungs/Verflechtungsprosa
- lange Sätze: Komplexität
- Welt öffnete sich, gewann an Tiefenschärfe
- ironische Melancholie/zarter Anflug von Ironie


20.12.

- Schmidt: Dias (Fotos); Wisshack Proj. + Leinw.


23.12.

- die gelierten Zweige; die Sträucher wie von Gelatine übergossen; starr, grönländischer Glanz

- "die stimmung um halbfünf"


24.12.

- Die Gesellschaft bewundert den Künstler, weil er die Individuen erlöst. Die Individuen empfinden etwas Bestimmtes, das sie nicht "fassen", ausdrücken können, nur erahnen - vielleicht; der Künstler hat die Fähigkeit, mit seinem Werk dies Ahnen und "Vorwissen" zu konkretisieren, ihm einen Ausdruck, eine Gestalt zu geben: die Künstler geben den um den richtigen Ausdruck ringenden Individuen ihre Sprache "zurück": die Individuen fühlen sich befreit, erlöst.

27.12.

- "die alten Jahre fallen ab ich muss mich wieder häuten ..."

- ... biografischer Rekurs d.V.

30.12.

-------------------------------
- APO-Kassette für Philip!
-------------------------------


2.1.97

- Die Sonne: ein ausfransender tennisball
- Eiszapfen: Bajonettspitzen


3.1.

P.: Briefe z. Leben I : S. 223
- " - II : S. 413
S. 421
S. 603


Briefe z. Werk: S. 125
S. 161
S. 225
S. 231
S. 235
S. 241
S. 253
S. 281


5.1.

- anspielen auf ("1.") fin de siècle (1897 - ? (Brief?)
24.2.
- jener Unterricht führte jedoch nicht dazu (und dessen Fortführung im späteren Leben auch nicht), daß ich eines Sommers dann die "Recherche" in Französisch hätte lesen können, ein (Versäumnis) ...

- P.-Lektüre erweiterte in einer von verhaltener Euphorie unterlegten Zeitstimmung (+ persönlicher) den inneren Raum beträchtlich. Steigerte das Lebensgefühl in eine überpersönliche Dimension. Und auch erfahren, was es mit der transzendenten Wirkung von L. auf sich haben kann.
* Wie literar. Erkenntnis auf das Leben des empfänglichen Lesers unmittelbar einwirkt.
* man weiß während der Lektüre, klüger zu werden * Überlegen heitsgefühle


- indem ich mich mit dem Roman über die verlorene und wiedergefundene Zeit beschäftigte, nach mehr als 20 Jahren, bin ich selber dabei, meine verlorene Zeit wiederzufinden.


6.1.

- der besondere Reiz der "Recherche"-Lektüre in jenem Sommer, jener vom Politischen durchwirkten Zeit lag ja auch darin, Tag für Tag den Forderungen dieser durchpolitisierten Atmosphäre zu entwischen und in die - ideologisch verpönte - "Welt der Decadence" einzu steigen. - Zeitentrückung.

- die theoretischen Aspekte des Werks interessierten mich in jenem Sommer der Lektüre noch nicht, mich faszinierte allein der analytische und ironische Ton, der mir aus der "Recherche" entgegenkam. Der Theorie über Proust versuchte ich erst Jahre später mich zu nähern; aber zu diesem Zeitpunkt war die Erregung der ersten Begegnung, der ersten Lektüre schon längst abgeklungen, und literaturwissenschaftliche Erörterungen schienen mir einerseits langatmig zu sein, andererseits die Erinnerung an das Lesen damals zu zerstören.

- Die sinnlich-bedeutungsvolle Erfahrung mit der Dünndruckausgabe
- Die schon mittags begonnene und bis in die Nacht fortgesetzte Lektüre des Proust-Textes und der Textanalyse, nur von den tages- und lebensüblichen kleinen Tätigkeiten, wie Speisen, Tee zubereiten, sinnend am Fenster stehen, unterbrochen, am Dreikönigstages dieses Jahres, erinnerte mich, während ich las, studierte - auch, ein die folgende Konzentration wieder herstellender Akt der Ablenkung, einen Gedichtanfang in die Maschine tippte - und dann doch mit dem Aufzug hinunterfuhr, um aus dem Briefkasten CDs und Kassetten, welche ein Freund vormittags hineingeworfen hatte, herauszuholen, an jene Wintertage nach Weihnachten und Neujahr meiner Schülerzeit, als ich während der Ferien - und sogar die Strenge unseres jetzigen Winters ließ sich mit der damaliger Schneezeit vergleichen - tagelang kaum das Haus verließ und mich in den Szenerien und Romanen verlor.

- eigene Biografie-Wiedererkennung "im Prinzip", im "Wesentlichen" in der "Recherche"; war '73(?) noch nicht möglich

- '73: Ironie; ironische Haltung zu dem einnehmen, was da kommen mag und wird - Gelassenheit//aber es nützte nicht viel//usw.

- die Sprache der Übersetzung


7.1.

- "Combray" * 10 min , 1
, 25
- "Combray" * 15 min , 2
- über mein Verhältnis zu ... (und über seines zu mir...) nachdenken.
- die "Madeleine-Stelle" an den Schluß setzen!
- Kreis "geschlossen": Intention Prousts/Anfang/Ende
- gleich nach dem Anfang geschrieben?
- den Lexikonartikel als Vorlage und Anleitung für einen inhaltlichen und theoret. Abriß nutzen
- das wissende Einverständnis und die Übereinstimmung des Vortragenden mit seinem Stoff...
z.B. "Strauß"-Erinnerung (während der Beschäftigung mit "Str."-Thema immer unterschwellig u. gleichzeitig an Proust gedacht)
(- "... die Zeit der Bücher mit den langen Sätzen...")


8.1.

- Der Satz (im Vortrag) über die Periode P.s ist selbst eine.
- Schluß: Stein, über den Marcel stolpert + Madeleine-Evoc.
- "Erzähler" ist das sich erinnernde Ich
"Marcel" ist das erinnerte Ich in seinem Werdegang
* "Zeitschleife"?
Möbiusband?
(das seine jeweilige Zukunft eben noch nicht kennt - Befangenheit im jeweiligen Erkenntnisstand)
- aus "Strauß"- und "Proust"-Abenden (Themen) etwas für's Radio machen? Unter Verwendung der Tonaufnahmen (O-Ton)
- es wäre die Zusammenführung beider Projekte; das Gesamtprojekt "Erinnerung" würde verdeutlicht.


9.1.

- Kafka: "Beschreibung eines Kampfes": "... noch sind die Wolken oft von grauen Steinen abgehauen ..." S. 221


11.1.

- "Kleine Proust-Kommentare" - Bücherei Di.
- 2. Teil Abend: "Sodom + Gomorra"
1.) "persönliche Anmerkungen..."
2.) Charlus usw., Albertine lesb.?
- (Gedicht: "A Jacket From Beckett")
d. sagte auf englisch, weil ich des Französischen nicht so mächtig bin:
"I got a jacket from beckett"
...


13.1.

- "persönliche Anmerkung ..."
fasziniert von der bewußt und unbewußt hergestellten Exzentrik und Ausschließlichkeit dieses Schriftstellerlebens...
- I Vom Einschlafen u. Erwachen ("Auf der Suche...". "Combray")
II Der Gutenachtkuß ("Combray") 35 Min.
- "Marcel" hat zum Schluß die Zeit sozusagen aufgeholt, die ihn bis dahin vom "Erzähler" trennte und unterschied: "deckungsgleich"
- die "Fenster" im Text (Erzähler kommentiert plötzlich das Geschehen in Marcels Leben) (Shattuck S. 125)
- Gedächtnis, Erinnerung, Virtualität


15.1.

- "Der Kaiser verläßt die geschlagene Flotte
mit diesem Satz wachst du auf aus dem Dösen
und mit dem Bild eines hölzernen Langboots
hinter dem Rauch über dem Meer quillt

- Schaal - "Ruine" (Armin)


16.1.

- dieser "Kino-Roman" müßte tatsächlich eine Art "Recherche" sein, in der Kindheit beginnen, ca. 1962 (ein Jahr nach dem Tod der Großmutter), als ich - zum ersten Mal? - ins Kino ging - Karl May-Verfilmung "Der Schatz im Silbersee"
- "Zeit-Roman" (BRD/DDR; bis '89) * in die Gegenwart
Thema "Zeit"
(Thema SF/Utopie) * frühe Jugend
Politik/Philosophie
Studium
- alles gespiegelt ("Wegmarken") durch Filme, Kinogehen
- Zeitumfang ca 40 J. 1958 - 1998?
- Montagen/Collagen/Fotos/alte Texte
- endet in einem SF-Berlin (2007?) ("Epilog")

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- Mo Wo-Blatt Foto/Veranst.ort!
- Fr. 10.00 INFO
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- in der oberkreide sterben die saurier aus dinos
das weiss jedes kind


19.1.

- Weil die früheren Schriften - "Les plaisirs .., ..... , ..... - bei Betrachtung der Lebensleistung nur als "Vorstudien" zum alles beherrschenden Werk der "Recherche" (erscheinen) sich darstellen, ist es gerechtfertigt, gleich sich auf die "Suche ..." einzustimmen.
- beginnen mit Ausführungen zum "fin de siécle" (Prousts, unseres)
- Baudelaire-Gedicht "Die Uhr" voranstellen?
- fort von der Illusion der gesellschaftlichen Utopie hin zum desillusionierten Blick auf den Menschen und seine Umstände
- diese beiden Aspekte haben mich immer gleichzeitig interes.
- Die "persönl. Anmerkungen" aus Zeitgründen - "Zeit..." - fallenlassen; ev. extra publizieren (Fotokopien)
- ... und ich bin mir sicher, daß ich doch auch eine Anzahl - nicht alle, das nicht - der subtilsten Erkenntnisse angenommen u. für bemerkenswert, wenn nicht sogar wegweisend richtig in mir eingespeichert hatte - wie sonst hätte mir die Grundstimmung, die Melodie, der Sound des Werks erhalten bleiben können; ein Sound, der mich, ohne daß ich ihn ständig gehört hätte, durch alle die Jahre ...
- Proust-Abend
Musik Saint-Saens


I
1. Baudelaire-Gedicht, 5 min
2. Vom Einschlafen u. Erwachen
("Recherche"; Combray)
3. Der Gutenachtkuß/ 35 min
+ Swann
10 min
--------
40 min
= 45 min
5. "Inhaltsangabe Recherche", 10 min
---------
65 min
= ca. 21.10 h
Pause 10 Min
Beethoven


II
6. Leben Prousts (mit Dias), 15 min
7. (vorlesen) Albertine
8. + M. de Charlus/Jupien?, 15 min
9. "biograf. Notiz d. Vorlesers", 15 min
--------
45 min
10. Schluß "Recherche"/Madeleine"-Stelle (Kreis schließen)
Musik César Franck? (Schubert?) (Debussy?)
= ca. 22.20 h


20.1.

- ... gewiefter Snob ... / gesellschaftliche Realität u. Kritik
- "Leistungsfähigkeit" von Kunst; Prousts Schluß/Walsers Kommentar, "Proustiana"
- "Festwochen voller Metaphysik" (W.)
- Der Kosmos Proust öffnet sich wieder; dieses Mal aber habe ich ihn - oder das Labyrinth, das sich wie ein Kosmos mit zunächst unerklärlichen Zusammenhängen konstruiert - durch einen anderen Eingang betreten (Und mit "geklärteren" Augen, womöglich.)
- ... stille Genugtuung (die Kritik d. Snobismus usw.)


21.1.

- Raphael: 07356/894
- Shattuck, S. 148 oben! -- "persönl. Notizen..."
- "Vetiverduft"? / Bergson / "Defizienz"? / George Sand
- der "Erzähler" liefert den philosoph. "Überbau", Refexionen, deren "praktische Auswirkungen" Marcel eben durchlebt
* bis Schluß, wo beide "eins" werden (/Zeitschleife?/)
- "Kümmert sich auch um andere Leute"
- Beginn des Abends bei der Herzogin de G. * Komik
G II 554 - 568
(551 - )
- G II 572: "Kleinchen" * Lindelestr. 2: die unteren Mieter: "Kleinerchen"
die plötzliche Übereinstimmung - eine frappante - hatte der Lektüre eine gewisse bedeutsame Kongruenz verliehen.
- Selbstfindung des Erzählers nimmt mit der Brüchigkeit der Hierarchien im Verlauf der "R" zu
- Jauß: S. 246: ... wie ich damals war ... (erinnertes Ich) (springt ins Damals, "lebt dort")
- Die "Zeit"-Problematik zu Beginn des 20. Jahrh.
* Einsteins Relativitätstheorie / Zeit + Raum
* Bergson / * kann Analogie zu P. hergestellt werden; "Recherche"-Kosmos?
"in sich gekrümmter, unendlicher Raum"
- erinnerndes + erinnertes Ich werden "deckungsgleich"
* Distanz wird aufgehoben?


23.1.

----------------------------------
- Mo. 15 Uhr Armin, Café Weichardt
----------------------------------


24.1.

- die damalige Lektüre der "Recherche" fand in einer Zeit vor etwas Neuem statt * "Studium" (dieses wiederum war nur eine unbedeutende Episode, führte zunächst zu den "freien" und dann zu den "gleichgültigen Jahren" (des Kinos)
- die Lektüre der "Recherche" war meine Initiation ins Leben nach der ("frühen") Jugend * Motive des eigenen - kommenden - Lebens vorgezeichnet: Zweifel an schriftstellerischem Talent, Liebe, Eifersucht, Erlöschen der Liebe, Gleichgültigkeit ...
- meine Evokation der Wiedergefundenen Zeit war die "Strauß"- Ruine und der Film; seine div. Handlungselemente * "Kreis" schließt sich und wird auch im "Strauß"-Text und Film durch den Hinweis auf die "langen Sätze" dargestellt
- ergo wäre es nun an der Zeit, ernsthaft über die Zeit der letzten vierzig Jahre zu schreiben... Obgleich ich M. Proust nicht alles nachmachen sollte (was auch schwierig sein dürfte), so wär' es doch ein hübsches "initial"
- das begann mir schon während des Schreibens am "Strauß"-Text klar zu werden; und der Film konkretisiert diese innersten Überlegungen und Zusammenhänge
- die Sylvesternacht 77/78 in der "Karpfengasse 24" * Karl Kiem


26.1.

- S. 283 TR: "Mehr noch: ..."
- S. 497 TR: "Mikroskop" * "Teleskop"
"... jedes für sich eine Welt"
- Jauß, S. 280: zitieren
- ich erinnere mich jetzt (unwillentlich) auch an die nahezu fieberhafte Eile, in der ich die "Recherche" zuende las; ein gieriges Einsaugen der Zeilen (Ungeduld); und war das Wetter nicht regnerisch, als ich den letzten Satz beendet hatte?


27.1.

- Gliederung:
Musik / Camille Saint-Saens: Symphonie Nr. 3

I
1. "A la recherche du temps perdu" / "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (Combray), "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen."
2.
- Tee + Madeleine am Abend!
- Treffen der MPG!
- Die "Madeleine-Episode" nicht lesen; weil das jeder täte; Anfang + Ende der "R" im Sinn von Jauß: Matinée * "zurück" zur Szene mit dem Vater u. weiter bis: "... Stille des Abends..." (S. 53 S)
* ENDE
- Psychogramm der Eifersucht (S. 117 * 122!)
"Gefangene"
126, 133
- "... in der eiskalten ... Vernunft des Wachseins..." S.163
- P. ist der Chronist der Unmöglichkeit der Liebe, auch der "unmöglichen"; weil alles Lieben unaufhaltsam vom Leiden an ihm, von den Qualen der Eifersucht und - danach - von der Indifferenz, die die Zeit hervorruft, zerstört wird.


28.1.

- Die Proust'sche Desilluionierungsprosa entsprach auch meinem Bedürfnis nach umfassender und radikaler Kritik der menschlichen Verhältnisse, wie es sich eben auch in der Kritik der herrschenden politischen Zustände äußerte. Der Proust'sche "Ansatz", die Vor- und Selbsttäuschungen bloßzulegen, war für mich durchaus ein gesellschaftskritisches Instrument.
- Auch gefiel mir - und heute gefällt es mir mindestens ebenso gut... - die rigorose Ausbeutung der eigenen Biografie, die aber nicht zur Selbstbejubelung mißbraucht, sondern zur kritischen Selbstanalyse genutzt wird, zur Selbsterkenntnis; ein zusätzlicher Aspekt ist der Ausdruck einer gleichzeitigen Selbstsicherheit (ironisch und melancholisch gebrochen) des Schreibenden: seine Existenz, sein Leben, so wie es sich entwickelte und noch weiter entwickelt ist ihm etwas wert, etwas, viel sogar, das sich für die Transformation in ein objektives Werk eignet; dieser Standpunkt vermittelt auch dem Leser Sicherheit, auch er darf sich in der berechtigten Hoffnung wiegen, daß sein Leben ebenfalls Stoff eines Romans sein könnte; sein Leben "zählt".


30.1.

- "Madeleine-Erlebnis": hier stiegt der Erzähler in die "Binnensicht" ein
der Erzähler praktiziert die "Draufsicht"
- die "Recherche" ist ein Roman über jemanden, der doch noch einen Roman schreibt und diesen - indirekten - Weg zur Kunst schildert (Irrungen, Täuschungen, "Essenz" der Dinge)
- S. 279, Jauß: Das Ende schwebt bereits am Anfang über der Erzählung (Weinen d. Kindes)
- "Marcel" ist zum Erzähler geworden, in diesem Abschnitt, hat den "Sprung" in das "morgen", vor dem "Marcel" in der Matinée noch steht, inzwischen gemacht (?)
- S. 282, Jauß: "... auf dieser Schwelle ..." * "nunc terminal"?
- TR: Schluß, S. 506: "... wenn mir noch Kraft genug bliebe, um mein Werk ..."
* Marcel spekuliert noch über das, was der Erzähler längst vollbracht hat
- Jauß: "Roman des Romans": jemand - der "Erzähler", nicht Proust - schreibt einen Roman, in dem sein vormaliges Ich bis zum Schluß seines Müßiggängerlebens sich ständig fragt, und diese Frage ständig mit einem "vermutlich nicht" beantwortet, ob es je fähig sein werde, einen Roman zu schreiben und sich letztlich, nach einer Reihe von unwillentlichen Erinnerungen, in die Lage versetzt sieht, es womöglich doch zu können, weil dieses bisher müßiggängerische Ich erkennt, daß sein ihm auf belanglose Weise entschwundenes Leben eigentlich doch recht lebenswert gewesen und des Aufschreibens würdig sei. Er versetzt sich ab einer be- stimmten "Stelle", an einem Zeitpunkt seines Lebens in dieses zurück und tut so, als kennte er den Weg, den er nun geht, noch nicht, ist dieses frühere Ich; und schiebt "dazwischen" gelegentlich seine - abgeklärten, aus der Höhe der Erfahrung herunter - kommen- tierenden Reflexionen. Und er schildert diesen Weg mit seinen Täuschungen und Selbstäuschungen und seinen Neben- und Irrwegen, den vielfältigen neuen Konfigurationen bis zu jenem Augenblick, der sehr kurz vor d e m liegt, in dem er d a s tun w i r d , was er die ganze Zeit s c h o n g e t a n h a t : schreiben, daß ein Ich auf seinem Weg ständig fragt, ob es je ein Schrift- steller sein würde und statt zu schreiben sich mit den Erlebnissen in seiner Familie und den Freunden und den Enttäuschungen der eigenen Liebe und der anderer beschäftigt, bis es eines späten Tages erkennt, daß ...
- Was ist das "nunc terminal" und wo liegt es?


2.2.

- Marcel selbst schreibt nicht mehr: "ich habe angefangen zu schreiben" o.ä.
- "Sprung" auf der Matinée zwischen Marcel u. Erzähler
* Jauß * "Schwelle"
- Auch am Anfang (Swann, "Glöckchen") setzt der Erzähler auf die "Glöckchen"-Szene zurück. (Ende * Anfang). Und zwar einige Tage nach der Matinée
* Marcel ist zum Erzähler geworden, hat zu schreiben begonnen.
(2. Beispiel: Madem. Saint-Loup, Tansonville, "Einschlafen")


- I
1. A la recherche ...
Combray
Vom Einschlafen und Erwachen
2. Ein langer Satz über Marcel Proust


3.2.

- Prousts Blick ist kühl; der eines Wissenschaftlers fast, eines Botanikers der menschlichen Blüten (und Sumpfblüten), die eine Gesellschaft des Übergangs treibt. (* Charlus/Jupien)
- der melancholische Grundton wird aufgehellt durch die tröst- liche Erkenntnis, daß die verlorene Zeit (im Kunstwerk) sich darstellen und erschließen läßt; nicht nur nimmt, indem sie das Individuum und reflektierende Subjekt desillusioniert und unaufhaltsam auf den Tod zubewegt, sondern während ihrer Herrschaft über den Menschen, oder genauer gesagt während der gegenseitigen Einwirkung von Mensch und Zeit, diesem viele Möglichkeiten, sich letztlich in allen seinen Irrtümern und den geglückten Zuständen des Lebens anzunehmen, bereitstellt. Von Selbsterkenntnis zu Selbsterkenntnis sein wahres Ich oder sogar seine Berufung, seine nur ihm gegebene Möglichkeit, das Leben so und nicht anders zu führen, zeigt und so den Einklang des irrenden Menschen mit sich selbst erwirkt. Und das Kunstwerk, in der Zeit und mit ihrer Hilfe entstanden, gereift, entreißt sich ihr und stellt sich außerhalb; "es fließt nicht mehr mit"; darum kann man an ihm die Stadien der banal strömenden Zeit erkennen. Wegemarkierungen.
- Prousts (moderne) Auffassung von "Kunst"!
- "Drei Briefe zum Leben, zwei zum Werk. Und ein Kommentar von Uwe Daube."
- Eifersucht als "Urstoff" des P.schen Erzählens (Helbling, S.19)
- "Sodom und Gomorra" (Baron de Charlus)
- "Die Gefangene" (Beckett-Text auch?)
- Komik (Prinz. v. Parma-Szene)


4.2.

- "Die Gefangene": S. 339: "Wenn die Kunst nicht wirklich eine Verlängerung des Lebens wäre, lohnte es sich dann, ihr irgend etwas zu opfern?"
- S. 336 - 344?
- "Profanisierung Vinteuils durch Tochter + Freundin" (S. 349) * s. Prousts Verhalten
* Schuldgefühle wegen "krankhafter" Prof./Erniedr.
(Umgekehrtes Verhältnis: Tochter - Vater (Roman)
Sohn - Mutter (Leben)
* Lust "funktioniert" (denn es ist ein geradezu mechanischer Vorgang) nur aufgrund des krassen Widerspruchs zum vor- herigen "Kult"
* Versuch, die Fixierung zu "bannen"
- S. 363: Charlus: "... die angemessenen Riten für das Zele- brieren einer wirklichen Feierlichkeit."
- S. 402: Charlus' angebliche Beziehung mit Odette (S. ? "In Swanns Welt") wird erklärt
- die Lektüre der "Recherche" damals war ja - habe ich das schon berücksichtigt? - eine, meine, Initiation gewesen, weshalb ich die üblichen Riten (Examina etc) nicht mitzumachen brauchte


5.2.

- in diesen "Kino-Roman" müßten zahlreiche Rückblenden eingebaut sein * Erpff-Kino z.B. in "Krone-Bau" * "Kaufhaus Schleehauf" * Mama später dort "am gleichen Ort" tätig; meine "Besuche" nach der Schule (mittag) dort, wo sie mir z.B. ein paar Mark gab, damit ich mir was zu Mittag kaufen konnte - Rückblenden müßten bis ins erste Jahrzehnt des Jhdts gehen ("Jahrhundert des Kinos")
- verschiedene Aspekte: Stummfilm/Ton-; Nazizeit in BC, Fünfziger Jahre sowieso (da sind wir aber schon in meiner Biografie)
- den Gesamttext eh "filmtechnisch" strukturieren; Montage/Schnitt usw.
* das "blanc" bei Flaubert
- das war eben eine "unwillentliche Erinnerung" ... Proust

- Programm:
Musik: Camille Saint-Saens (Symphonie Nr.3)

I

1. AUF DER SUCHE nach der verlorenen Zeit
(A la recherche du temps perdu)
In Swanns Welt. Erster Teil. Combray (ca. 20 M)

"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen."

2. Marcel Proust und sein Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (Ein Überblick.) (ca. 20 M)
3. - Combray
Der Gutenachtkuß.
- Pause. -
Musik: Ludwig v. Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130

II

4. Fotos aus Prousts Leben; nebst einigen Anmerkungen (ca. 15 M)
5. Liebe, Eifersucht, Musik
- "Im Schatten junger Mädchenblüte. Zweiter Teil."
(- "Sodom und Gomorra. Zweites Kapitel") (ca. 20 M)
- "Die Gefangene" /S. 348 ff. auch
6. ...


6.2.

- Meine Beschäftigung in jenem Sommer mit Proust - inmitten der üblichen linken Aktivitäten, obwohl in den Sommern, wenn ich nun versuche mich bewußt zu erinnern, so viel auch gar nicht unternommen wurde, man paßte sich eben doch auch sehr selbstverständlich dem herkömmlichen Jahresablauf an... - hatte auf fast natürliche Weise natürlich einiges mit Snobismus zu tun; aber dies war ein eher unterernährter, ein kleinbürgerlicher Snobismus; und so war sie nicht nur auf meine Neugier - und mein Erstaunen dann über Prousts Bitterkeit und Selbstanklage und, auch das, Selbstverstellung - darauf, wie Proust das Lebensthema Homosexua- lität einschätzte und verarbeitete (obwohl es freilich der Grund gewesen war, auf ihn aufmerksam geworden zu sein) und wie er für dieses Thema "warb", zurückzuführen, sondern gleichzeitig ein Symptom für die mir durchaus angenehme und eingestandene Eitelkeit, das im Bewußtsein, etwas leicht Degoutantes zu genießen, noch ein wenig ausführlicher gehätschelt werden mußte ...
- die "Recherche" ist ja durchaus als eine Art Arbeitsbericht aufzunehmen: hier wird über die Arbeit berichtet, der es bedarf, die "Schuppen vor den Augen" zu beseitigen, um nicht zuletzt das eigene Leben so zu erkennen, wie es (geworden) ist. Aber das ist ja das Anliegen jeden Romans, also ist das kein Spezifikum der "R". Aber s. Deleuze, bei Jauß zitiert: "Das Wesentliche in der Recherche sind nicht Erinnerung und Zeit, sondern Zeichen und Wahrheit. Es geht hier nicht eigentlich darum, sich zu erinnern, sondern zu lernen."
* "großes Abenteuer des Unfreiwilligen"
* die Suche führt zu den "reinen, nicht mehr materiellen Zeichen der Kunst."
- soeben lese ich, daß P. (das war mir bis zum Augenblick entgangen) Politikwissenschaft, nach dem Militärdienst, studierte. Diese kleinen Gemeinsamkeiten amüsieren mich, unterstreichen die Sympathie und Affinität für sein Werk - nicht unbedingt die Person, wiewohl sie selbstverständlich faszinatorische Wirkung immer auf mich hatte - und sollten mich im gleichen Augenblick vor jedem lächerlichen Versuch, einen Vergleich herzustellen, bewahren.
- "Gefangene", S. 331 - 345
" - " , S. 338 oben: 15 min!
- " - " , S. 414 - 427 oben
(Intrige der Mme Verdurin auf der Soirée)
- zuvor: Charlus' Überheblichkeit Mme Verdurin gegenüber
" - " (S. 354 - 363 ?) = ca. 35 min!
+ 15 min
- die Äußerungen über P. in Punkt II 4. unterbringen
+ 35
----------
85 = 1 Stunde 15
- die Briefe?
+ 10 nach Pause
----------
95
1 St. 15 = 22.30 h
- (Foto von mir in Karpfengasse 24, von K. Kiem; '77
(Zeitungen)


7.2.

- Programm:
Musik: Saint-Saens
I
1. AUF DER SUCHE ...
(A la recherche...)
"In Swanns Welt. Erster Teil. Combray."
- M. Swann kommt, und der Gutenachtkuß ist gefährdet ... 20 Min
2. Marcel Proust und sein Roman ... 20 Min
3. - "Im Schatten junger Mädchenblüte. Zweiter Teil."
- "Die Welt der Guermantes"


8.2.

- Prousts Egozentrik - eine beachtliche Egozentrik, der die Bewunderung nicht versagt werden darf - resultiert nicht aus der Krankheit, sondern die Krankheit, zumindest ihr nucleus, ist eine Folge der bis zur Selbstzerstörung gesteigerten Selbstbessenheit.
- in jungen Jahren ein Dandy und Snob, war Proust in seinen späten deren ins Groteske verzerrte Karikatur; die Eleganz hatte sich, endlich, ins Werk begeben, sie war im Leben nicht mehr so wichtig. Das allein ist schon ein Beispiel dafür, wie Proust - vermutlich unabsichtlich - praktizierte, was er propagierte. Die Transponierung eines Lebens in Kunst. Die geglückte Kunst nobilitiert und strukturiert gerade das während des Lebens scheinbar mißlingende Leben nachträglich sinnfällig.
- der sehr bewußte snobistische Aspekt meiner damaligen Recherche-Lektüre (es tat einfach gut, beiläufig sagen zu können, man lese Proust ...) verband sich aber auch mit dem Vergnügen, inmitten einer von Politfloskeln gesättigten Umgangssprache (in der linken Szene) und dem sowieso unerträglichen Alltagsgegrunze, sich in der Sprachlandschaft eines stilistischen Souveräns ergehen zu können, deren Wege, die ich in jenem Sommer jeden Tag betrat, mich aber aus der Wirklichkeit (die eben oft den Charakter des Scheinhaften hat) der menschlichen Verhältnisse nicht hinaus- , sondern mitten, besser, als jede sogenannte Realität es vermocht hätte, in sie hineinführten. An jedem Sommertag lernte ich dazu. Es war ein Crashkurs in Sachen Durchblick.


9.2.

- Tagebuchnotiz vom 24.5.75:
"- Erinnerung: Französisch-Stunde * Prousts "Ratten"

- Tagebuchnotiz vom 26.5.75:
"- Proust-Lektüre verarbeiten!"

- Tagebuchnotiz vom 2.8.75:
"- das warme Abendlicht mit seinem zarten Schatten -
- "Eagles": "One of these nights"
- eine Art von Grausamkeit in A.s beobachtend-abwartendem Verhalten * hält die Hilfe zurück, die möglicherweise sogar gewünscht wird. * Rache?
- Liebe & Leiden * Proust
- die Gleichgültigkeit nach einer Anzahl von Jahren.
- A. auch beruflich gescheitert: Studium abgeschlossen, aber keine Überzeugung mehr vorhanden
- die Lüge
- total kontrolliertes Verhalten * Stumpfheit * Gleichgültigkeit * Verachtung
- Opportunismus privat/Politik"

- Tagebuchnotiz vom 9.8.75:
"- Beziehung E.- Bangla; Gespräch im "kleinen Kreis"
- die Motorradfans
- die nachfolgende "unpolitische" Generation"

- Tagebuchnotiz vom 19.8.75:
"- Zynismus * s. "Formierung..."
- Vorwurf des "nur Registrierens"
- jedes Liebeserlebnis spielt sich nach dem Muster des ersten ab * Proust; V.- Vo.
- die "Erfolge" bei Vo.
- die Angelegenheit mit Vo. als "Antithese" zu der mit V.?
- V.s schneller Blick im "Str."
- die Auffrischungen des pol. Bewußtseins.
- A. hatte den Materialismus zwar (abstrakt) im Kopf, lebte aber "idealistisch" * realisierte seine unmittelbaren materialistischen (d.s. sinnlichen) Bedürfnisse nicht. Deshalb kam er eines Tages ins Schleudern."

- Die Recherche-Lektüre geschah im Sommer '74. Im Sommer '73 leistete ich noch (bis Ende August) den Zivildienst ab, hatte also vor- und nachmittags gar keine Zeit, zuhause am Schreibtisch Proust zu lesen.
- Ich sah natürlich den gesellschaftskritischen Aspekt in der "Recherche". Schließlich handelt sie auch von den Veränderungen in der französischen Gesellschaft; Niedergang der Aristokratie; die pseudoaristokratischen Bemühungen der Bourgeoisie (Mme Verdurin, die zum Schluß zur Prinzessin von Guermantes wird z.B.); Dreyfus-Affäre; das Verhältnis des Künstlers zur Gesellschaft. Dreyfus-Affäre: Man kann Proust, wenn man mal etwas emphatisch und so undifferenziert argumentieren will, durchaus eine "linke" Einstellung zugutehalten; und freilich war sein Sensorium für Unrecht und Ausgrenzung und Sündenbock-Macherei ihm eingeboren - schließlich war er das, was hierzulande die Nationalsozialisten, die nicht allein aus diesem Grund, sondern aus prinzipiellem Haß gegen psychologische Tiefenschärfe ihn auf den Index setzten, als "Halbjuden" bezeichneten. S. auch die Äußerungen in der "Recherche" über den sozialen Kontext der Literatur. P. war eben nicht nur der décadent, als der er gern dargestellt wird, der Spekulant und "Coupon-Schneider".
- Aus der Rezension des Meyrink-Romans "Der Golem"; '73 geschrieben, also vor der "Recherche"-Lektüre: "Primär die mondäne und morbide Welt der Decadence, die Salons der bürgerlichen Snobs und aristokratischen Absteiger, machte auch hierzulande Stimmung, und das in der deutschen Art. Mit Oscar Wilde und Marcel Proust waren England und Frankreich zwar schon weiter, (...), jedoch die "Wollust des Untergangs" spukte auch in deutschen Dichterköpfen. Todeswonne schilderte gerade wieder Thomas Mann in seiner 1913 erschienenen Novelle DER TOD IN VENEDIG; im morschen Glanz der Stadt am Lido verklärt sich bürgerlicher Niedergang in elegische Intensität dichterischen Scheiterns."
- 4 x ca. 15 Min "Recherche", 60 Min
20 Min "M.P. und ..."
20 Min Dias ,100
10 Min Briefe
10 Min Zeitungsartikel ,120
+ 10 Min Pause
----------- 130
2 Std 10
= 22.15 h
- "R": 1. "M. Swann kommt ..."
2. "Albertine, dieses obskure Objekt der Begierde"
3. "Eine Intrige auf der Soirée der Mme Verdurin"
4. "Fünf Evokationen vor der Matinée der Prinz. von Guermantes und die Möglichkeit, doch noch Schrift- steller zu werden"


10.2.

- S. 416 - 427 "Gefangene" (Mme Verdurin, Morel)
* 3.
- S. 256 - 263 TR: 20 Min. * 4.
S. 499 - Schluß * 4. Teil "R": 20 Min
- Dias: Mo., 17., 18.30 Schmidt
- "Eine kleine Trennungskomödie": S. 472 - 478 "Gefang."
* 2.? + S. 484 - 488?
- dann die unerwartete Trennung, die A. vollzieht: S. 554 - 556
- 120:2= = 6 Teile à 20 Min
- S. 500 - Schluß: 20 Min
- In gut zweieinhalb Stunden Prousts Romanuniversum, die "Recherche", und dazu noch sein Leben, einzelne Momente darin, die ausführlicher zu Wort kommen sollten, vorzustellen, ist ein Unterfangen, dem die Unmöglichkeit und das Unverständlich-Fragmentarische, sprich also das Scheitern und auch eine Art von Unhöflichkeit dem Autor der "Suche auf der verlorenen Zeit" gegenüber von vornherein eingeschrieben zu sein scheint, und so wird der hier dieses Werk und dieses Leben Skizzierende und drei längere Auszüge aus dem Werk Vorlesende gut daran tun, sowohl den Autor wie auch den hier sich eingefundenen Kreis um Verständnis, das einer entschuldigenden Nachsicht nahe kommen mag, zu bitten. Freilich ... Werk liebt, das seit vielen Jahren ... Sylvesternacht ....


11.2.

- "M.P. und sein Roman ..."
I Das Werk (vor Pause)
II Das Leben (nach Pause)
mit Dias
- Eifersucht/Liebe: "Gefang." S. 293 - 298, 10 Min
- Charlus: 10 min.
- Albertine (Beckett), 7 min (Zu Alb.: Helbling, S. 26)
- Freundschaft: 4 min
- Duc u. Duchesse de G.: Helbling S. 31 - 36 , 4 min
- Künstler und Gesellschaft: H. S. 69 - 73: 6 Min
Die Verdurins
- Komposition und Schluß: H. 106, 107: 3 Min
ca. 47
ca. 3/4 Stunde
- TR: S. 296 "wahre Leben"/Literatur, 7 min
S. 299
- Schluß: knapp 20 M
- "Der Schluß der 'Recherche' - der zum Anfang(en) führt"
- 5 P.-Textstellen
- "Intermittences du coeur": S. 218 - 221 S + G 1
ca. 8 Min

Pause

- 30 Dias zu Prousts Leben, 20 Min
- Literatur/das "wahre Leben", 7 "
- 2 Briefe von Proust, 5 "
- Albertine/Eifersucht/Liebe, 10 "
- Albertine; Samuel Beckett, 7 "
- 1 Brief (Erläut. d.R.), 3 "
- Komp. u. Schluß, 3 "
- Der Schluß der 'R' - der ... 20 "
----------
= 1 Std 15
= 22.30
___________________________________________________________
- Der Gutenachtkuß, 20 M
- M.P.s Roman "A la ...", 25 "
1. Überblick/Inhalt incl. Guermantes, 10 eig. Text
2. Charlus, 10 H
3. Verdurin/Künstler, 6 "
2 Aspekte ausführlicher
- "Die 'Intermittenz des Herzens', 15 "
------
ca. 21.o5 h

- Pause

- od.
- Gutenachtkuß 20 P
- M.P. Roman ... 15
- Baron Charlus 10
- "Intermittenz" 15 P
------
60
- Liebe/Leiden / S. 122 "Gefang."
+ Charlus/Eifersucht/"Frl. Vinteuils" ca. 20
______________
- 30 Dias zu Marcel Prousts Leben 20 (15)
- Albertine: Liebe und Eifersucht (S. 122 -123; S. 293 - 298) 15 P
- Albertine (2): Samuel Becketts Interpretation 7 B
- Die Literatur und das "wahre Leben" 7 P = 45 M
- 3 Briefe 8 P
- Ende und Anfang 13
- ("was ich selbst zu schreiben hatte, war anderes und längeres als bloße Abschiedsbriefe ..." - FIN 20 P
-------
22.35 h

Programm

(Camille Saint-Saens: Symphonie Nr. 3 "Orgel-Symphonie")
- Der Gutenachtkuß ("Du côté de chez Swann. Combray") ("In Swanns Welt")
- Marcel Prousts Roman "AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT" ("A la recherche du temps perdu")
- Baron de Charlus (aus: Hanno Helbling, "Erinnertes Leben. Marcel Prousts 'Suche nach der verlorenen Zeit'"; st 1547)
- Die "Intermittenz des Herzens" ("Sodome et Gomorrhe" "Sodom und Gomorra. Zweiter Teil 1")

- Pause -

(Ludwig v. Beethoven: Streichquartett B-Dur op. 130)
- 25 Dias zu Marcel Prousts Leben
- Albertine: Liebe und Eifersucht ("La Prisonnière", "Die Gefangene")
- Albertine (2): Samuel Becketts Interpretation
- Literatur und "wahres Leben" ("Le temps retrouvé", "Die Wiedergefundene Zeit")
- 3 Briefe von Proust
- FIN ("Le temps retrouvé")
Debussy? Franck?


12.2.

Fr. 15.30 : Stefan H., Café W.
------------------------------
Bialas-Madlener: anrufen: (April/"Autoren")

(glücklicherweise habe ich ein solches Verfahren nicht nötig, um den sogenannten Höhepunkt zu erreichen... (Dafür dürfte mir's schwerfallen, etwas wie die 'Recherche' zu schreiben.)


13.2.

- "S u. G I": S. 346: "... meine sorgenvolle Voreingenommenheit in Richtung Gomorra..."
- zum Notat von gestern (im Kino geschrieben, und dort auch den "Vor-Satz" gedacht:)
- die "entweihte Fotografie" d. Mutter u. die Ratten im Bordell: ich machte mich also zu Beginn meiner Beschäftigung mit Proust etwas lustig über ihn, zugleich gefiel mir die außergewöhnliche Exzentrik dieses "Typs", hinter der Tragik und Selbsthaß (denn diese "Entweih." war nichts anderes als eine Form auch der Selbstkasteiung, und im "gleichen" Bordell läßt Charlus sich ja schlagen...) und natürlich auch ein hochentwickeltes Bewußtsein von der eigenen psychol. Disposition zu vermuten war; und so wurde P. damals für mich der "Schriftsteller" par exemple. Woraus sich auch das fortwährende Interesse an ihm erklärt.

- Vita P.:
- mit etwa 10 J. erster Asthma-Anfall (psychosom.)
- 19 J.: Aufnahme des Studiums/H. Bergson, Tod der Großmutter
- 20 J.: Cabourg, Seebad -- "Balbec"
- 22 J.: Bekanntschaft mit R. de Montesquiou beginnt
- 23 J.: Freundschaft mit Reynaldo Hahn
(- ich kannte in diesem Alter auch einen "Ronald Hahn" - in Wuppertal...)
- 24 J.: "Stelle" in Bibl. M.
- 25 J.: "Les Plaisirs ..." veröffentlicht
- 26 J.: Duell/Beginn der regelmäßigen Asthma-Anfälle
- 27 J.: Einsetzen f. Dreyfus
- 28 J.: Ruskin
- 32 J.: Tod d. Vaters
- 33 J.: "La Bible d'Amiens"
- 34 J.: Tod der Mutter/Krise
- 35 J.: "Sésame et les Lys", Boulevard Haussmann 102/Korkzimmer, ab nun ausschließlich lit. Arbeit
- 38 J.: "Contre Sainte-Beuve"/abgelehnt
- 42 J.: "Du Coté de chez Swann"
(- noch 42 J.): Tod Agostinellis/"Trennung" halbes Jahr vorher
- 47 J.: "A l'Ombre ..."
- 48 J.: "Pastiches ..."
- 49 J.: "Du Coté de Guermantes I"
- 50 J.: Flaubert-Essay, "Guermantes II"/"Sodome et Gomorrhe I"
- 51 J.: "S u. G. II"


17.2.

- Dias: Di., 18.30 Schmidt, Mi. Mock


18.2.

- Fr. Mock, So. Projektor
- Painter, S. 420 - 423:
"Das tiefste Geheimnis von Proust Leben, die eigentliche Quelle jener Spannungen, aus denen die Größe seiner Seele, seine Güte und sein Mut, sein Roman und sein Laster entstanden waren, drang jetzt an die Oberfläche. Sie wurde in Handlungen sichtbar, die zu gleicher Zeit widerwärtig und absurd sind, für die aber alle seine sündigen Menschbrüder ihm in einem Schauer des Mitleidens die Absolution erteilen sollten. Vielleicht waren diese Sünden sogar für seine Erlösung notwendig. Der nie geheilte Abszeß kindlicher Aggression wurde nach vierzig Jahren geheilt, so daß er endlich frei und zum Sterben bereit war. Aus der Darstellung aller dieser Schrecklichkeiten im Roman geht hervor, daß dieser tiefe Selbstanalytiker sich ihrer Bedeutung vollkommen bewußt war, wenn auch die Motive aus den untersten Schichten seines Unbewußten stammten. Der erste der Racheakte bestand darin, daß er die Möbel, die seinen Eltern gehört hatten, an Alberts Bordell wegschenkte. Als der Erzähler der Besitzerin von Blochs Bor- dell Tante Léonies Stühle und Kanapee schenkt, packt ihn die Reue, als er sieht, wie sie 'in diesem martervollen Kontakt, dem ich die Wehrlosen ausgeliefert hatte, Qualen ausstehen'". 'Hätte ich einer Toten Gewalt angetan", fügt er hinzu, 'hätte ich nicht so gelitten." Die tote Frau, die Proust schuf und vergewaltigt vor sich sah, war seine eigene Mutter. 'Ich kehrte zu der Kupplerin daraufhin nicht mehr zurück', sagt der Erzähler, 'denn die Erbstücke schienen mir zu leben und mich anzuflehen wie in einem persischen Märchen die scheinbar leblosen Dinge, in denen Seelen eingeschlossen sind, die ein Martyrium erdulden und um Be- freiung bitten." Proust jedoch kehrte wieder und wieder zu Albert zurück. Sein Leben lang hatte Proust die Gewohnheit, seinen neuen Freunden, wie ein nicht ganz unschuldiges Gesellschaftsspiel, seine Kollektion von Photographien vorzuzeigen. Er hatte dieses Spiel mit Lucien Daudet getrieben, als dieser ihn zum ersten Mal zum Tee in seinem Schlafzimmer besuchte und unpassenderweise gesagt hatte: 'Ich würde mich lieber mit Ihnen unterhalten', und er hatte es kürzlich wiederholt, als Paul Morand ihm am 16. Dezember 1916 seinen ersten Besuch machte. Aber jetzt begann die Sache finsterer auszu- sehen. Proust erschien, wie Albert später Maurice Sachs erzählte, eines Tages mit einem Packen Photographien 'von lieben oder erlauchten Damen' im Hôtel Marigny. Der Metzgerbursche oder Telegraphenbote, der sein Gefährte für den Abend war, hätte diese ganz gewiß mit der größten Hochachtung betrachtet, da es gerade in Proletarierkreisen gewöhnlich ein ehrfürchtig vollzogener Ritus ist, Familienphotographien anzuschauen. Der junge Mann hatte jedoch genaue Instruktion von Albert, und wenn er das Portrait von Prousts hochverehrter Princesse Hélène de Chimay erblickte, hatte er pflichtschuldigst auszurufen: 'Und wer zum Teufel ist diese kleine Hure?' Manchmal war das derart entweihte Bild eine Photographie von Mme Proust; und so wiederholte Proust im eigenen Leben die Szene, die er Mademoiselle Vinteuil in Montjouvain mit dem Bild ihres Vaters spielen läßt. Es trifft aber sowohl für Proust als auch für Mademoiselle Vinteuil zu (die ihr Leben gleichfalls ihrem Laster und dem Gedenken ihrer verstorbenen Eltern weihte), daß diese abscheuliche Handlung nicht nur ein Symptom für Haß, sondern für eine verwundete, lebenslange Liebe war. Die Geschichte von Proust und den Ratten läuft noch heute in verschiedenen, teils absurden Versionen unter den Invertierten von Paris und ihren ausländischen Besuchern um. Leider besteht kein Zweifel daran, daß sie grundsätzlich wahr ist, da sie von mehreren, voneinander unabhängigen Zeugen bekräftigt wird und außerdem unmißverständlich, wenn auch versteckt, im Roman erscheint. Maurice Sachs hörte sie von Albert Le Cluziat, Gide und Bernard Fay und Boni de Castellane von Proust selbst; und zwischen den beiden Weltkriegen war es ein beliebtes Vergnügen, den Taxichauffeur aufzusuchen, der mit stolzem und strahlendem Lächeln versicherte: 'Ich war es, der immer die Ratten zu Monsieur Marcel brachte!' Dann schaute Proust sich an, wie die armen Tiere mit Hutnadeln gestochen worden. Diese Szene wird bei dem Besuch des Erzählers in Doncières ausgedeutet. Er spricht dort von den 'Albträumen mit ihren phantasievollen Auswahlmappen, in denen unsere verstorbenen Eltern einen schweren Unfall durchmachen, der eine nahe Heilung jedoch nicht ausgeschlossen erscheinen läßt. In der Zwischenzeit hegen wir sie in einem kleinen Rattenkäfig, in dem sie, kleiner als weiße Mäuse und mit dicken roten Beulen bedeckt, aus deren jeder eine Feder sprießt, ciceronianische Reden an uns halten.' Hier haben wir die Ratten, ihre Wunden, die Hutnadeln und den Drahtkäfig, in dem sie gefangen und ihm gebracht wurden."
Während er also die Photographien seiner Nächsten betrachtete und dabei der "Metzgerbursche" seine unflätigen Bemerkungen machen mußte, wurden die Ratten eben von diesem oder auch von anderen "Burschen" erstochen...

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