
Klaus-Dieter Diedrich
Jihad, Fake, Realitäten
[IV. DEATH BY WATER
Phlebas the Phoenician, a fortnight dead,
T.S. Eliot "The Waste Land"]
I State of the art
Manchmal spielt das Phantastische und Phantasierte als ein Aufblitzen des Verdrängten und auf eine Weise in die Wirklichkeit herein,
als sei es ein legitimer Vorschein des Kommenden, und beides kann sich dann ja auch gemeinsam zeigen. Oder die Wirklichkeit nähert
sich dem Phantastischen und hat es sich plötzlich zu einem realen Bestandteil affirmiert und in sich aufgenommen. So ist es inzwischen
diversen Standardtopoi der Science Fiction geschehen. Solche Vorgänge sind freilich nicht auf dieses Literaturgenre beschränkt, sondern auch
in anderen kulturellen Erscheinungsformen, inklusive des Politischen, zu beobachten, wenn man ein Auge dafür hat und über ein bißchen Überblick verfügt.
Der Einbruch des Phantastischen in das, was die Wirklichkeit sei, gehört zur menschlichen Entwicklung. Die frühen Mythen, zusammengefaßt in mythologischen
Systemen, und nicht nur in dem der griechischen Götterwelt, sind die Parallelwelten zum sukzessiven Prozeß der wissenschaftlichen Entdeckungen und
die sie begleitenden Philosophien. Das Phantastische und Intuitive hat seinen festen Platz im Wirklichen. Es, und jeder Schlaf- und Tagtraum gehört dazu,
wurde im Verlauf der Zivilisierung in Kulthandlungen - zu denen ab einer bestimmten Zeit auch Texte gehören - zeremoniös gebändigt, und Kulthandlungen
sind immer auch - in einer fast vergessenen marxistischen Terminologie gesprochen - Überbauhandlungen zur Machtsicherung und -ausübung. Es ist hier nicht der Ort,
alte Beispiele, durch die Jahrtausende hindurch entstanden, anzuführen, denn jeder kam schon einmal mit ihnen in Berührung. Und das gilt sozusagen natürlich für die
Leser der Science Fiction und verwandter Genres, die ihr vorliefen.
Einer der Gründe, sich kritisch mit Science Fiction zu beschäftigen, war ja seit jeher ihre massenhafte Verbreitung zumal in juvenilen Köpfen,
und daß das Genre, wie freilich alle anderen Medien auch, nicht zu Unrecht unter Ideologieverdacht steht, bewies die Literaturkritik innerhalb und
außerhalb der "verschworenen" Lesergemeinde, für die der Begriff "Fandom", der vom "Kingdom" die zweite Silbe stiehlt, der durchaus verständliche Terminus ist,
spricht er doch von der geheimen Sehnsucht der Lesenden nach ihrem verschwundenen Märchenreich der Kindheit und Adoleszenz, in dem Omnipotenzphantasien
das zukünftige Leben erleichtern sollten (und nach dem in Science Fiction und Fantasy, in Königreichen und Imperien, auch in adulten Zuständen weitergesucht wird),
schon vor Jahrzehnten. Als populäre Literatur im Sinne des Unterhaltungsbedürfnisses, das ja aus einem Fluchtimpuls gespeist wird, ohne daß dies nun diskreditiert werden soll,
weil der Mensch immer seiner Realität in vorübergehenden Absenzen entkommen wollte und will, was sich u.a. im Kult des dionysischen Rausches zu Götterzeiten manifestierte,
ist Science Fiction außerdem als ein nicht ganz unwesentlicher Bestandteil der in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem
demokratischen Kulturbruch entstandenen Popkultur zu sehen; und beinhaltet eben auch deren Vorzüge und Infantilismen bis hin zu den in den frühen siebziger
Jahren in diversen Publikationen aufgedeckten Faschisierungstendenzen. Sie entsprangen - wie wir wissen eben nicht nur in der "alten" Bundesrepublik Deutschland,
eben gerade auch in den Vereinigten Staaten von Amerika - den kruden Lebenserfahrungen und -vorstellungen von Autoren (seltener Autorinnen), die ihre -
nicht sonderlich demokratischen - erlebten Realitäten eher unreflektiert als bewußt antidemokratisch in die literarisch mehrheitlich unbedeutenden Produkte einfließen ließen.
Manches an der damals geübten Faschismus-Kritik, die SF betreffend, war sicherlich überzogen und sah nicht die genuine Naivität manches Schreibers, dem
gar nicht klar gewesen war, in welchen Kategorien er dachte. Freilich kann dies keine nachgereichte Entschuldigung für die Konglomerate aus reaktionär-dämlichen
Ideen in solchen Köpfen ergeben, ist der Mensch doch, nach Kant, angehalten, sich über seine Ignoranz und Verblendung aufzuklären. Was oft genug dezidiert
verweigert wurde; übrigens nach wie vor wird.
Selbstaufklärung fand als Forscherdrang in etlichen Science Fiction lesenden jungen Köpfen in den sechziger Jahren da und dort jedoch statt, aus dem wiederum
naiven Wunsch heraus, die phantasierten Zukunftstechniken eines Tages in der eigenen Lebenszeit noch wahr werden zu lassen, wenn man Ray Kurzweil,
einem der führenden technokratischen Technologie-Denker in der USA, glauben will, der vor ein paar Jahren einmal äußerte, er und andere Jungs, die später
Wissenschaftler wurden oder ihre Computerfirmen gründeten, hätten sich in ihrer Jugend von ihrer Science Fiction-Lektüre in ihrem späteren Werdegang beeinflussen lassen.
Stephan Vladimir Bugaj, Vizedirektor von IntelliGenesis (im Jahr 2001 ...), schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor zwei Jahren einen langen Artikel, in dem er darlegte,
welche (Sorte von) Science Fiction-Büchern und - Filmen "die Cyber-Elite" in den Labors und Technologie-Firmen gelesen und gesehen und mit Anregungen versehen hätten.
Die "Illuminatus"-Trilogie, H.P. Lovecraft, Kabbala, Koran, Aldous Huxley, Isaak Asimov, Robert A. Heinlein, Philip K. Dick, Arthur C. Clarke, J.G. Ballard, Greg Benford,
L. Sprague De Camp, William Gibson, Stanislaw Lem, William S. Burroughs, George Orwell, Jewjenij Zamjatin werden von ihm erwähnt, dazu volks-wirtschaftliche Werke
wie das des Marx-Vorläufers Adam Smith, die Bibel, Mathematiker wie John von Neumann, der Philosoph Karl R. Popper, der Astrophysiker Stephan Hawkins und andere
Naturwissenschaftler. Er schreibt über Lektüren des "Mainstream", fährt dann fort: "Doch sind diese Lektüren auch nicht so wichtig wie die Science Fiction-Literatur,
die noch immer den größten Einfluß auf unsere Träu-me - und damit auch auf unser Tun und unsere Politik hat. Da unsere Welt sich zunehmend in einer Weise verändert,
die einer SF-Story ähnelt, wird es immer wichtiger, diese Literaturgattung zu verstehen. Viele Praktiker aus dem Bereich der Naturwissenschaften und der Technologie beziehen
daraus ihre Anregungen. Zwar ist die SF-Literatur in Teilen lediglich eskapistische Unterhaltung, aber mit ihren Modellen und Gleichnissen liefert sie Wissenschaftlern und
Ingenieuren auch An-regungen für die Gestaltung der ökonomischen und sozialen Strukturen im Zeitalter des Cyberspace." 1
Was hat all das mit Frank Herbert zu tun? Eckardt führt in seinem Artikel eben den
"Dune"-Zyklus als Beispiel für literarische Qualität der SF, die sich mit Gattungen der Literaturgeschichte wie z.B. dem
Dadaismus ins Einvernehmen setzen könne, an. Eckardt schwächt diesen Vergleich sofort wieder ab, und auch dem Verf. ist's, als könne man höchstens einige der
den einzelnen Kapiteln der "Dune"-Romane als Motti vorangestellten Exzerpte aus den für den Innenkosmos des Zyklus relevanten mythologisch-psychologischen
"Schriften" als Dada-Nonsens verbuchen. Eckardt fragt auch: "Wieso findet sich umgekehrt die Dune-Trilogie [?] oder der Schiffszyklus [ebenfalls von Herbert; der Verf.]
noch immer nicht in Kindlers Literaturlexikon wieder?" 4 Die Antwort ist einfach: weil die Kolportage überwiegt. Zweifellos erscheint es in den "Wüstenplanet"-Romanen oft so,
als benütze Herbert den SF-Hintergrund nur als Kulisse und Staffage für seine Aussagen zu Religion, Macht, Ökologie und andere Themata der "Mainstream"-Literatur;
denen man manchmal zustimmen kann, die andererseits den reaktionären Geist so mancher Alt-Space Opera ausdünsten. (Übrigens, dies nur noch am Rande, schreibt Eckardt
auch noch: "Man begreift, dass SF und anspruchsvolle weltliche Belletristik (...)"; hat die SF (noch immer oder schon wieder?) religiöse Erhabenheit erlangt, ist sie nicht von dieser Welt?)
Diese Bemerkungen zu Frank Herberts "Wüstenplanet"-Zyklus wurden aber nicht erst durch den genannten Artikel des Herrn Kollegen angeregt; sondern durch -
wie könnte es in unserer "Neuen Weltordnung" der oligarchischen Bush-Dynastie anders sein? - den 11. September 2001. Das Fanal des beginnenden 21. Jahrhunderts,
in dem es seit neuestem angeblich schon zwei geklonte Menschen geben soll, Sprößlinge der UFO-Sekte der "Raelianer" (oder "Romulaner"?), wirft seinen düsteren Schatten
über unsere derzeitigen Jahre, in dem wohl auch sehr bald - dieser Artikel entsteht in den ersten Februarhälfte dieses Jahres - die brennenden Kriegsfackeln der Ölfelder in der
Wüste leuchten werden. Das Stichwort "Wüste" - Afghanistan, arabische Halbinsel, Irak, die ruckhafte Zentrierung der Weltpolitik auf die Bekämpfung eines recht
diffusen, dafür umso deutlicher fokussierten islamischen oder islamistischen "Terrors", der aus der Wüste und orientalischen Bergen käme, der nun in den Krieg um
Bodenschätze und geostrategische Positionen übergeht - hatte es dem Verf. nach dem Anschlag vom "11. September" - der einen hohen Grad an Virtualität und Simulation
ins Weltgeschehen transportierte - angetan; die Lektüre des "Wüstenplanet"-Romans des US-amerikanischen Bürgers Frank Herbert, geschrieben zu Beginn der sechziger
Jahre des letzten Jahrhunderts des 2. Jahrtausends, war offenkundig nicht mehr hinauszuschieben, wollte der Verf. etwas von den Überlappungen von
"Wirklichkeit" und "Phantasie" erfahren. Während der Lektüre des "Wüstenplanet"-Zyklus verschob der Verf. Elemente aus der "Wirklichkeit" - die ihrerseits schon in
der "politischen Realtität" manipuliert wurde - in die (phantasierte) Welt im 11. Jahrtausend und vice versa.
II "Nun sag: wie hast dus mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann,
(Ich setze nun die Kenntnis des Inhalts des ersten, des berühmten "Wüstenplanet"-Romans, voraus.)
Wie der Anschlag auf das WTC, über dessen genaue Hintergründe man noch immer nichts Verbindliches weiß, so beginnt auch der "Der Wüstenplanet" mit einer
Verschwörung; im Roman allerdings sind die Verhältnisse umgedreht: nicht eine terroristische Organisation aus den Tiefen der Wüste, sondern in den Palästen des
Imperiums und in denen des Baronats des Wladimir Harkonnen entsteht der verbrecherische Plan, der zum Untergang des Guten, der Guten, verkörpert durch den
Herzog Leto, seine Familie und Gefolgsleute, führen soll. Und zunächst auch führt - allerdings mit Konsequenzen, die sich die böse Gegenseite "nicht im Traum" hätte einfallen lassen.
Die Schemata des Romans folgen bewährten Kolportageromanen: vom Bösen verfolgt, siegt letztendlich das Gute mithilfe von neu rekrutierten Anhängern und übertrifft
auch noch alles bisher Dagewesene, indem es seine eigene Macht quer durch's Universum in der Form eines eigenen Imperiums, das sich in seiner realpolitischen Machtausübung
vom untergegangenen gar nicht so sehr unterscheidet; wie das Untergehen ja auch allerlei Imperien in der Realtität der mensch-ichen Entwicklungsgeschichte so an sich hatten.
In dieser Omnipotenzphantasie kann sich das jugendliche Lesergehirn mal wieder so richtig suhlen, und ca 60 Millionen verkaufte Exemplare des "Dune"-Zyklus weltweit und
ca. 78 000 Einträge über "Dune" bei der Suchmaschine Google etwa sprechen ja auch vom gierigen Genuß dieser Lektüredroge. Die alten Mechanismen der
Unterhaltungsschreiberei funktionieren eben immer. Dabei kam "Dune" in den ersten Jahren seiner Existenz bei der Leserschaft der sechziger Jahre noch gar nicht besonders gut an;
erst nach dem Erscheinen des zweiten Bandes, "Dune Messiah" ("Der Herr des Wüstenplane-ten") im Jahr 1969 begannen Herberts Auslasssungen über Fragen der
Machtmoral, der Religion, des Zeitempfindens, der Stellung des Individuums in der Masse und etliches anderes die Leserschaft zu faszinieren; und das Jahr 1969 markiert ja
auch in den us-amerikanischen und westeuropäischen Gesellschaften eine für sie bedeutsame Zeit, die der "Studentenunruhen" mit dem Protest gegen den US-Krieg in Vietnam
und der Einforderung demokratischer Rechte und Strukturen, in der BRD die weni-gen Jahre der "Außerparlamentarischen Oppostion" (APO), ein Datum der Zäsur in der
westdeutschen Republik. Bekanntlich wurde "Dune" im Verlauf der sechziger Jahre zu einem Lieblingsbuch der amerikanischen Hippies, und das konnte nicht allein
an der immerwährenden Erwähnung und Preisung des "Spice", der "Melange", des auf dem Wüstenplaneten und des ihn umgebenden Universums eingenommenen
Rauschgifts, liegen, sondern hatte eben mit den Themen zu tun, die Frank Herbert in einer SF-Handlung verpackte. Herbert hatte in den fünfziger Jahren etliche Zeit
als Journalist in San Francisco zugebracht; die Beatnik-Bewegung mit Autoren wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac dürfte ihm nicht ganz entgangen sein, und in jenen Jahren,
da er den ersten Fortsetzungsband schrieb, befanden sich die USA - nach dem nie völlig aufgeklärten Attentat (Folge einer Verschwörung?) auf den angeblich so
strahlenden Präsidenten John F. Kennedy im Jahr 1963, der den von den Franzosen geführten Indochina-Krieg als "Vietnam-Krieg" übernahm - in einer immer drängender
werdenden Diskussion um Macht und Moral, wofür dieser Krieg als deutlichste Frage in den Köpfen einer jungen Generation hauste. (Und in diesen Tagen bewegt der Irak-Krieg,
seine imperialistischen Gründe und Folgen, die Gedanken, und dieser Artikel mag als Beitrag dazu gelesen werden.) Auch das konnte an Herbert nicht vollständig
vorübergerauscht sein. Umso bedauerlicher ist es, daß Herbert, der in "Dune" und den Folgebänden da und dort durchaus durch die Münder seiner Protagonisten Ansichten äußert,
die von einem realistischen und keineswegs eskapistischen Bewußtsein des Autors sprechen, eben diese Grundhaltung andererseits, in jener Tradition der SF, die eines
ihrer Grundübel zumindest in ihren ersten Jahrzehnten ist, mit den üblichen Attributen einer rechtstotalitären Ideologie garniert, was angesichts doch befremden muß:
Führerkult, Mystizismus, rassistische Zuchtphantasien, Demokratieverachtung usf. (Wo gibt es übrigens noch eine kritisch-theoretische Analyse der laufenden
SF-Produktion und ihrer Derivate? Die Bedeutung einer Literatur läßt sich auch an ihrer Präsenz in solchen Diskursen ablesen, und wo keine Reflexion erfolgt, sinkt auch
die Signifikanz.) Aber Herbert läßt seinen Helden Paul Atreides - im "Wüstenplanet"-Zyklus wird einmal seine Herkunft aus dem Geschlecht der altgriechischen Atriden erwähnt,
was allein schon ein Hinweis gibt, daß Herbert seinen Zyklus als großangelegte Tragödie aufgefaßt haben mag -, aka Paul Muad'dib schon im ersten Roman, auch diverse
Male über seine "Berufung" und über die unheilvolle Gabe der Prophetie sinnieren, auf daß sie sich nicht als selffullfilling prophecy erweise, und Überlegungen der
Selbstkritik werden an solchen Stellen durchaus vollzogen. Aber dies dient wohl nur der Drama-turgie und ist keine prinzipielle Form der Kritik.
Um ein Fazit des "Dune"-Zyklus' vorab zu vollziehen: Frank Herberts Großroman - und als solchen sollte man die Bände sehen, wenn auch der erste stets das Werk sein wird,
das am bekanntesten ist und am meisten gelesen wird - stellt sich als ein in Bezug auf die positiven und negativen "Bewußtseinsinhalte" im Sinne einer ideologiekritischen
Betrachtung höchst ambivalenter Versuch dar, die großen Themen von Macht, Spiritualität, Natur, Zeit, Treue, Verrat, "Schöpfung" in der Verkleidung einer Zukunfts-Saga
abzuhandeln, mit oft unzureichendem Ergebnis und teils wirren Einsprengsel. (Nicht vergessen werden sollte hierbei die Anstrengung, einen geradezu detailverliebten
eigenständigen Kosmos zu schaffen, eine eigene "Herbert-Welt"; ein legitimer Versuch eines Autors, dem man das Bemühen um Ernsthaftigkeit nicht absprechen möchte,
seine Imaginationen immer weiter zu spinnen, bis sozusagen die "immanente Geschichtsschreibung" des "Dune"-Universums zutage tritt. Die Art, wie hier Geschichte "gemacht"
wird, ist jedoch eine reichlich mechanistische und reduzierte, deren Wechselhaftigkeit, Irregularität und Selbstironie nur in holzschnittartiger Manier skizziert ist.
Um das anders zu gestalten, hätte der Autor freilich noch mehr Jahre an's Schreiben hinzusetzen müssen, und hätte er seine Welt schon in den zweiten und dritten Bänden
noch deutlicher ausgemalt, so wären vermutlich die letzten drei nicht mehr erschienen, denn Herbert starb 1983 an Krebs.)
Durch alle Romane zieht sich die Religiosität, oder besser gesagt die Religion als Machtfaktor, und die mal deutlich geäußerte, mal unterschwellig angebrachte Kritik an ihr.
"Dune" ist ein Universum, in dem die Religionen zu den Machtverhältnissen führen und ihnen, beim Eintritt des Lesers in dieses Universum, seit Jahrtausenden schon als
Unterfutter nützt. Eingedenk auch der Vielzahl von religiösen Sekten neben den Hauptreligionen in den USA kann es uns nicht verwundern, daß ein Kopf, der sich kritisch
nennt, sich mit diesem Phänomen des zersplitterten Spät-Pietismus und seinem - Max Weber hatte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts darauf hingewiesen - kapitalismusfreundlichen
Symptom explizit beschäftigt, und sei es innerhalb einer SF-Saga. Herbert muß wirklich ein genuines Interesse am religiösen Bedüfnis gehabt haben, und dieses Interesse
ist nicht von Wohlwollen geprägt; dies zumindest nicht. (Übrigens fällt einem bei diesem Gedanken auf, wie H. diese Aufsplitterung der Religion ins Schulen- und Sektenhafte
in der Vielzahl der Religionsausübungen in seinem "Dune"-Kosmos widerspiegelt.) "Es begann mit einem Konzept: eine lange Erzählung zustandezubringen über die
messianischen Erschütterungen, die sich menschliche Gesellschaften periodisch auferlegen. Ich hatte diese Theorie, daß Superhelden für Menschen zerstörerisch wirken;
daß, wenn du nur einen unsterblichen Helden annimmst, die Dinge, die dieser Held in Bewegung setzt, möglicherweise in die Hände fehlbarer Sterblicher fallen. Was gibt es
gibt es für einen besseren Weg, um eine Zivilisation zu zerstören, eine Gesellschaft, eine Rasse, als Menschen in die wilden Schwankungen zu stellen, die aus der Übergabe
ihrer Urteils- und Entscheidungsfähigkeit an einen Superhelden folgen?" 5. Hier äußert sich Herbert also dezidiert religions- und machtkritisch, und diese Haltung kommt in
den Romanen - vor allem im zweiten, dritten, vierten Band, "Der Herr des Wüstenplaneten", "Die Kinder des Wüstenplaneten", "Der Gottkaiser des Wüstenplaneten" -
auch ausführlich zur Geltung, nur irritieren dabei da und dort im Geschehen Statements, die diese Kritik unterminieren, und der Verf. ist der Ansicht, daß diese gegenläufigen
Auslassungen nicht dem antithetischen Aspekt zu einer irgendwie dialektischen Begutachtung der Ausgangshaltung Rechnung tragen wollen, sondern aus Schwankungen
auch im Bewußtseinshaushalt des Autors, bestenfalls aus einer ambivalenten inneren Unklarheit oder Unsicherheit resultieren. (Übrigens wird schon am Anfang des
"Wüstenplanet"-Romans, des ersten, von einer Ordensfrau der "Bene Gesserit" ein an Exorzismus gemahnender Vorgang an Paul Atreides, dem jungen Helden, vollführt,
in dem herausgefunden wird, ob Paul ein Mensch oder "ein Tier" ist. Man denke an die kulturgeschichtliche Darstellung des Satans, n.a., als Bock. Freilich ist dieser
Vorgang auch ein Initiationsritus in sowohl religiösem wie sozialem Sinn.) Ansichten und Einsichten zur Religion sind das eigentliche Haupttthema des Zyklus - so will es
dem Leser fast vorkommen. (Herbert frönt dem Thema des Religiösen auch in seinem Schiffs-Zyklus, der hier nicht beachtet wird.) In der SF wird der Aspekt der Religion
seit jeher aufgegriffen, Gott, Entstehung der Welt respektive des Universums, Menschwerdung, Bewußtsein, Moral und alles andere, was mit diesem Thema in Verbindung
steht, sind gängige Requisiten diverser Zukünfte. (Insofern mag Holger Eckhardt recht haben, denn oft spielt das SF-Geschehen ja im "Überirdischen", im Deep Space oder
Cyberspace oder im Paraspace oder wie die Virtualitäten eben heißen.)
Die "Dune"-Welt - und Herbert lernte Arabisch, als er diese Romane schrieb - ist ein islamistischer Kosmos, in dem Rudimente der christlich-katholischen und der
jüdischen Glaubenswelt amalgamiert sind. "Islamistisch" in dem Sinn, in dem in unserer Realität des Jahres 2003 dieser Begriff gebraucht wird, also im
"kämpferisch-terroristischen". Während der Lektüre des ersten Romans kann man annehmen, daß in der Zeit, die vor den geschilderten Ereignissen lag, im Imperium -
am Ende des Zyklus das "Alte Imperium" genannt - der einander abfolgenden Dynastien der "Padischah-Imperatoren" ein eher islamischer Grundkontext herrschte
und erst in Folge der sich auf dem Wüstenplaneten abspielenden Kämpfe ein "terroristischer" Wille das Imperium umkremelt. Ein "Djihad", heiliger Gotteskrieg,
ausgeführt von den Kriegern Paul Muad'dibs, die ihren Ursprung in den Stämmen der "Fremen", der "Freien Männer" haben (englisch ausgesprochen ergeben die
"Fremen" die "Free-men"), über die er aber dann die Kontrolle verlor, wie im Band "Dune Messiah" nicht geschildert, sondern nur erwähnt wird, mündet in das neue
Imperium des Wurm-Gottkaisers Leto II., der, gemäß der Vision seines Vaters Paul Muad'dib, den "Goldenen Weg" der Menschheit verfolgt und eine dreieinhalbtausendjährige
Zeit der Stagnation, oder Beruhigung, herbeiführt. Aber schon in einem Jahrtausend vor Beginn der Ereignisse hatte "Butlers Djihad" (man beachte, by the way,
den Namen des Übersetzers von Homers"Ilias" [sic!] ins Englische: Samuel Butler ...) fast alle digitale Technik im Universum zerstört, ein "Bildersturm" gegen die
Computer. Fast nichts wird in "Dune" und in den folgenden Romanen über die Gründe dieses Kreuzzugs gesagt; war es ein später Aufruhr des Analogen gegen
das Digitale, gegen die Angst, von Computern beherrscht zu werden? Zumindest läßt Herbert diesen Gedanken zu, greift also Ende der fünfziger Jahre, als er an
"Dune" schrieb, wie so viele andere SF-Autoren zu diesem beliebten Topos der Science Fiction, hält sich bei ihm jedoch nicht lange auf, statt langatmig geschilderter
Kämpfe gegen die Computerherrschaft beläßt er es mit der Konstatierung derselben; das Thema interessierte ihn offenbar nicht besonders, vielleicht, weil sich schon zu viele
Schreiber damit abgaben?
Auch heutzutage sehen wir "Westlichen" uns, und nicht erst seit dem 11. September 2001, mit einem "Jihad" der arabisch-islamisch-islamistischen Welt konfrontiert,
das welthistorische Datum - und als solches wird es eines Tages noch deutlicher als heute betrachtet werden - hat uns nur unmißverständlich auf diesen "Clash of Civilizations",
wie Samuel Huntington ihn definiert, aufmerksam gemacht, und der Krieg im Nahen Osten bestätigt diesen Befund. In der Annahme, daß nicht alle Leser des "Dune"-Romans -
und dieser wird ja regelmäßig als beliebtester SF-Roman aller Zeiten aufgelistet - auch die anderen Bände des Zyklus (und Herbert lag es sehr am Herzen, den von ihm
geschaffenen Kosmos auszudehnen und so die ihm als Gesellschaftskritik wichtigen, im ersten Roman angerissenen Aspekte näher zu beleuchten) in sich aufgenommen haben,
referiert der Verf., um einen Gesamteindruck zu ermöglichen, den Stoff der folgenden fünf Bände.
III Synopsen durch Synapsen - Der Wüstenplanet-Zyklus 7
"Fly me to the moon
"Der Herr des Wüstenplaneten"
Nachdem Paul Atreides aka Paul Muad'dib im ersten Roman "Der Wüstenplanet" mit der tatkräftigen Unterstützung der Fremen aus der Wüste, als deren Heilsbringer er ihnen gilt
(dank der subtilen Tätigkeit der Missionaria Protectiva des sehr alten Frauenordens Bene Gesserit, von ihnen ungünstig Gesonnenen auch Hexen genannt, der sich einem
Zuchtprogramm verschrieben hat, der eines Tages den von ihnen ersehnten Messias Kwisatz Haderach hervorbringen soll), die Unterdrückung durch die böse Sippe der
Harkonnens und die Imperatorentruppe der Sardaukar mit einem furiosen Angriff auf den Würmern des Planeten Arrakis hinweggefegt hat, wobei die Ausgeburt des Bösen,
Baron Wladimir Harkonnen, den verdienten Tod erleidet, zugleich der in die Intrige verwickelte Padischah-Imperator Shaddam IV. abdanken muß und Paul Muad'dib eine seiner
Töchter, die schöne Prinzessin Irulan, heiratet, allerdings seiner Fremen-Frau Chani die Treue hält, womit der erste Band endet (zuvor hat Paul auch noch die Mehrheitsanteile
an der wichtigen Handelsorganisa-tion MAFEA übernommen), widmet sich der zweite dem Werdegang Paul Muad'dibs als neuem Imperator und Mahdi und Prophet der Fremen,
die er in den Heiligen Krieg, den Djihad, führt, obwohl er das eher widerwillig tut, aufgrund der Visionen, die ihn immer wieder heimsuchten, der aber doch durchs ganze bekannte
Universum seine Blutspur zieht. In einer stillen Stunde, im Gespräch mit dem Fremenführer Stilgar, resümiert er selbstkritisch, nachdem er sich erinnerte, daß ein gewisser Adolf Hitler
"mehr als fünfzig Millionen Tote" hinterließ: "Nach sehr vorsichtiger Schätzung habe ich einundsechzig Milliarden Menschen getötet, neunzig Planeten sterilisiert und fünfhundert
weitere vollständig demoralisiert. Ich habe die Gläubigen von vierzig Religionen ausgerottet, deren Existenz teilweise über viele Jahrtausende zurückreichte ..." 8
(Das sind doch wenigstens Zahlen.) "'Ungläubige!' sagte Korba verächtlich. ‚Nichts als Ungläubige!' (...) ‚Der Djihad hat zehntausend Welten ins strahlende Licht ...' ‚In die
Finsternis gestoßen', unterbrach ihn Paul." Nebenbei intrigieren nun die Bene Gesserit gemeinsam mit der Navigatoren-Gilde, die ohne das Rauschgift Melange keine
interstellaren Raumflüge durchführen kann, und den Bene Tleilax, eine Rasse, die vor allem als Klonproduzenten tätig ist und Gholas aus den Zellen von Leichen hestellt,
und auch Paul Muad'dibs jüngere Schwester Alia, auch mit besonderen Geistesgaben ausgestattet, fängt allmählich ebenfalls an, sich gegen ihren Bruder zu stellen. Die
Geschwister entfremden sich, Paul sieht in seiner Schwester schließlich eine Hexe, die immer böser werde. Ein Ghola und Mentat (eine Art Computer in Menschenform)
namens Hayt, den die Tleilax in Pauls Nähe positionieren, damit er ihn umbringe, ist de facto der geklonte Duncan Idaho, ein besonders treuer Gefolgsmann der Atreides
(Er wird in allen folgenden Bänden, als wiederholt Geklonter, eine wichtige Rolle spielen.) In Arrakeen, der Stadt der Atrei-des auf Arrakis und nun Zentrum des Imperiums -
man beachte die Alliteration, die den ersten Buchstaben des lateinischen Alphabets bevorzugt - tummelt sich allerlei Priester- und Pilgervolk, unter das sich Paul gerne
inkognito in der Art des einst auf der Erde - die übrigens im Romanzyklus nur sehr selten als ein Planet, der im Imperium kaum eine Rolle mehr spielt, erwähnt wird -
wandelnden Harun al-Raschid, in der Weltliteratur kein ganz Unbekannter, begibt. Zwischen dem Ghola Duncan und Alia entspinnt sich eine kleine Lovestory, die von
Duncan aber aufgelöst wird, weil er Paul Muad'dib die Treue hält, als ihm bewußt wird, daß er nicht Hayt, sondern Duncan ist. Im Zuge der Verfolgung durch die
Verschwörung stirbt Chani im Sietch Tabr, ihrem heimatlichen Höhlensystem in der Wüste, bringt aber noch Zwillinge zur Welt. In einem Kampf in der Stadt erblindet Paul;
schließlich dankt er ab und zieht sich, wie es Sitte der Fremen ist, allein in die Wüste zurück, um dort zu sterben. Alia übernimmt die Regentschaft über das Imperium der
Fremen, die ja auch vor langer Zeit aus dem Universum nach Arrakis gekommen waren und nun sich wieder in einer gegenläufigen Bewegung ausdehnen, und Stilgar ist
daran beteiligt.
"Die Kinder des Wüstenplaneten"
Und Chani gebar Ghanima und Leto. Und unter den Augen ihrer Großmutter Jessica, die Paul den Propheten geboren hatte, wuchsen sie in einem Sietch in der Wüste auf.
"Die Lehren Muad'dibs sind zu einem Spielfeld von Pharisäern, Abergläubischen und Korrupten geworden. Er brachte uns bei, ein ausgeglichenes Leben zu führen und
vertrat eine Philosophie, die dem Menschen half, erfolgreich den Problemen eines sich stets verändernden Universums zu begegnen." 9 Auch sie haben die Fähigkeit ihres
Vaters, die Gabe der Voraussicht, die jener manchmal als Fluch begriff. Und ein Prediger kam aus der Wüste nach Arrakeen und sagte Widerworte gegen das Regime der Alia
und ihrer Priesterschaft. Und Alia in ihrem momumentalen Palast horchte auf: "Alia zitterte in plötzlicher Erregung. Götter der Finsternis - diese Stimme! Die langen Jahre des
Daseins unter den sengenden Strahlen der Sonne mochten sie gebrochen haben - aber es war immer noch etwas in ihr, das unmißverständlich auf Paul hinwies." 10 Und so
ist's dann auch. Paul Muad'dib starb nicht, sondern begibt sich ins Zentrum der Macht, so wie Paulus sich nicht vor den Römern fürchtete, und predigt gegen die schlechte
Herrschaft seiner Schwester. Alia nimmt an, das Leto (II.) in der Wüste in einem Kampf gegen meuchelmörderisches Tun umkam, Ghanima wird dagegen am Hofe aufgehommen.
Im Hintergrund spinnen Prinzessin Irulan, die Bene Gesserit, die Bene Tleilax, die Corrino-Sippe, deren letzter Herrscher Shaddam IV. weichen mußte, ihre Fäden. Auch Duncan
Idaho hat in diesem Intrigennetz einige Aufgaben zu bewältigen. Das Kind Leto, das den Angriff der programmierten Wüstentiger überlebte, beansprucht die Würde des neuen
Herzogs Atreides gegenüber den Fremen; sie wird ihm zugebilligt. Die Zeit der Wasserknappheit auf Arrakis ist dank der langsam wirkenden Maßnahmen zur ökologischen
Umgestaltung des Planeten, die vom Planetologen Kynes im ersten Band des Zyklus schon geplant waren, beendet. (Kynes war von den Sardaukar in der Schlacht um
Arrakis getötet worden.) Allmählich beginnen die Fremen sich von ihren harten Sitten zu entfernen. Jessica, die Mutter des früheren Messias Paul, läßt durch Guerney
Halleck, einen alten Kämpfer der Atreides, der plötzlich auch wieder aus der Wüste auftaucht, ihren Enkel Leto allerlei Exerzitien erfahren; Leto seinerseits entwickelt
seine übersinnlichen Kräfte und hat die Vision des Goldenen Wegs in sich, der er entsprechen will. Jessica hat auch dynastische Pläne: Sie fliegt von Arrakis fort nach Salusa
Secundus, einem Planeten der Corrino-Sippe, wo sich Farad'n, der Neffe des vormaligen Imperators Shaddam IV., aufhält. Jessica beginnt ihn dahingehend zu beeinflussen -
eher ohne "Bene Gesserit-Tricks" - , daß er als Gatte von Ghanima in Frage kommt. (Sie ist ja, wie sich schon in Band eins enthüllt, die Tochter des bösen Barons Harkonnen.
Über sie sind also die Guten und die Bösen verwandtschaftlich verbunden.) Auch Duncan Idaho taucht auf Salusa Secundus auf, berichtet Jessica. Kurz und gut: auf Arrakis
wird Paul Muad'dib, jetzt der Prediger, im Auftrag von Alia, seiner Schwester, getötet; zuvor sind sich aber Leto II. und Paul, sein Vater, noch in der Wüste begegnet. Der junge
Leto entschließt sich, zugunsten eines jahrtausendelangen Lebens, das er benötigt, um den Goldenen Pfad für die Menschheit einzuleiten, zu einer Symbiose mit den
Sandforellen, den jungen Würmern. Sein Körper verändert sich dadurch allmählich, entwickelt aber Superman-Kräfte. Ghanima will Farad'n nicht heiraten; doch kommt es
am Ende des Bandes so. Die Ereignisse überstürzen sich: Jessica kehrt nach Arrakis zurück. Nun erkennen alle, daß Alia vom bösen Baron, der ihren Geist kontrolliert,
besessen wurde. (Im ersten Band tötet die kindliche, doch geistig mehr als erwachsene Alia den Baron während des Kampfes.) Alia stürzt sich in einem Anfall von
Selbsterkenntnis zu Tode. Leto II. zieht mit jungmännischer Großmannsattitüde in den Palast und übernimmt die Herrschaft. "Leto saß auf dem Löwenthron, um die
Huldigungen der Stämme entgegenzunehmen." 11 Und er will den Kralizec entfachen; eine Art schlimmerer Jihad. Denn es sei "höchste Zeit, daß die Menschheit es
wieder lernt, nach den eigenen Instinkten zu leben."12
"Der Gottkaiser des Wüstenplaneten"
Dreieinhalbtausend Jahre später. Leto II. herrscht als Gottkaiser-Wurm über das Imperium, dessen Welten infolge des Goldenen Pfads bewußt in die Stagnation geführt wurden.
Offenbar auf den meisten Planeten herrschen ländlich-bäuerliche Verhältnisse. Leto II. residiert in einer Zitadelle in der Restwüste von Arrakis, unweit seiner Stadt Keen
(das frühere Arrakeen) und schikaniert entweder seinen Major-domus Moneo oder den Duncan Idaho-Ghola (der soundsovielte seit Jahrtausenden), dessen fast natürliche
Gebundenheit an die Sippe der Atreides, deren Sproß Leto II. ja ist, er aber schätzt. Durch seine durchweg weibliche Priesterschaft der Fischredner übt er imperiumsweit
seine Kontrolle aus. Eine junge Rebellin, Siona, die Tochter des Majordomus, die zunächst von außerhalb Dokumente aus dem Herrschaftsbereich des Gottkaisers stiehlt,
spielt dann eine sehr wichtige Rolle in seinen Plänen. Die Melange wird von Leto II. streng rationiert, er teilt jeden "Fraktionen" im Imperium nach Gutdünken einen
gewissen Anteil aus seinen Vorratskellern in der Zitadelle aus; denn die Würmer, die Spice-Produzenten auf Arrakis, sind fast ausgestorben. Diese Botmäßigkeitspolitik
gefällt natürlich auch den Bene Gesserit nicht. Zusammen mit den Ixianern, die seit Beginn der Großerzählung die Rolle der Techniker und Tüftler im Imperium,
ob alt oder neu, innehaben, obwohl stets argwöhnisch beäugt, und wieder sind die Bene Tleilax (auch: Tleilaxu) dabei, entsteht eine neue Intrige zum Sturz des Gottkaisers,
der Abscheulichkeit, wie die B.G. ihn nennen. (Auch Tyrann geheißen.) Dieser wälzt allerlei Reflexionen zum Goldenen Pfad und zur Machtausübung und zur Vorsehung
und Liebe und auch zur Kriegermentalität in seiner Behausung. Für die Intrige wird mithilfe der Bene Tleilax ein wunderschön' Weib hergestellt, mit dem sich schließlich
Leto II., der Wurm, vermählt. Die Intrige durchschaut er natürlich, was ihn nicht von der Liebe abhält. Auch der Duncan-Ghola hat was mir ihr. Siona wird vom Gottkaiser
dann geprüft, ob sie tauglich für die Zukunft nach ihm sei. Denn Todesgedanken umwehen ihn. Und Siona, übrigens auch eine Atreides,
meint nach der Prüfung: "Der Wurm muß weg!"13 So denken auch andere. Auch Duncan Idaho. Während einer Prozession auf der kaiserlichen Straße auf einer Brücke
über einen Fluß ereilt den Gottkaiser sein Schicksal. Ein Attentat gelingt, Hwi, die ixianische Gemahlin, kommt um, und auch Leto II., der Wurm, zerfällt, als er stirbt.
Leto II. wird in den nächsten Romanen der zerlegte Gott genannt. Duncan und Siona, die das Attentat geplant und mit einigen anderen eher tumben Zeitgenossinnen
durchgeführt haben, stellen abschließend fest, daß die Wetterkontrolle des Planeten instabiler wird, und vermuten, daß die Gilde dahintersteckt. "Du wirst dich darum
kümmern müssen", sagt Siona zu Duncan. Die ganze Story dieses Bandes wird als "Rückblende" erzählt, aus dem "Minderheitsbericht", "Auszug aus der geheimen
Zusammenfassung Hadi Benottos über die Entdeckungen von Dar-es-Balat".
"Die Ketzer des Wüstenplaneten"
In diesem und dem letzten Band gilt Frank Herberts Interesse hauptsächlich den Bene Gesserit, ihrer weitergehenden Geschichte, ihres Kampfes dann gegen die
Geehrten Matres aus der Diaspora, die das Imperium, das noch größer wurde und das Alte Imperium umfaßt, mit beispielloser Brutalität überrennen. Auch die Tleilaxu
haben eine gewichtige Rolle in diesem Roman. Er spielt eintausendfünfhundert Jahre nach den Ereignissen um den Gottkaiser. Die B.G. haben ihre eigenen Planeten, wie
eigentlich schon immer, wachen noch immer über ihr offenbar immerwährendes Zuchtprogramm zugunsten der Atreides. Die Ehrwürdigen Schwestern Schwangyu und
Lucilla sind zwei der Protagonistinnen, sie werden dominiert von der Mutter Oberin Taraza. Schwangyu, die auf dem Planeten Gammu - vor Jahrtausenden unter den
Harkonnens hieß er Giedi Primus, was z..B. die Mutter Oberin, die das nicht weiß, so lange ist das her, sich von Burzmali, einem Kommandanten, sagen lassen muß,
und deren altes "Baronat" steht noch immer - ein Erziehungsprogramm des jungen Gholas Duncan Idaho (wieder ein neuer aus der "Serie" der Arrakis-Duncans) hintertreibt.
Sie kommt bei einem Angriff der Geehrten Matres um. Die B.G. haben längst eigene Streitkräfte, vom berühmten Bashar Miles Teg angeführt. Vor der Verfolgung durch die
Geehrten Matres, in der Folge auch Huren genannt, flüchten der junge Ghola und der Bashar in die Wälder in einen geheimen Nicht-Raum, der nicht geortet werden kann.
(Durchs Universum schippern auch Nicht-Schiffe.) Der Bashar gibt dem Ghola seine "eigentlichen" Erinnerungen an die früheren Leben des Duncan Idaho in einem
Initiationsritus. (Auch die Bene Gesserit haben die früheren Bewußtseine verstorbener und umgebrachter Schwestern in sich, so wie auch Paul Muad'dib, seine Mutter,
seine Kinder, diese Fähigkeit haben. Um sie zu erlangen, ist eine lebensgefährdende Zeremonie notwendig, die schon im ersten Band geschildert wird.) Duncan und
Bashar werden aufgespürt, flüchten auf verschiedenen Wegen. Der Bashar entwickelt plötzlich nach einer Gefangennahme ungeahnte Kräfte, macht die Bewacher nieder und
gelangt in die Stadt des Baronats der Harkonnen, die offen-bar längst ausgespielt haben. Der junge Duncan, ein Halbwüchsiger, wird von einer Geehrten Mater,
Murbella, durch sexuelle Handhabungen geprägt. Die Prägung, das sexuelle Hörigmachen der Männer, ist ein beliebtes Machtinstrument der Huren. Das hat aber auf
Duncan keine wirklichen Auswirkungen. Parallel zu diesen Ereignissen wird auf dem Planeten Rakis, dem alten Wüstenplaneten Arrakis, ein Mädchen, Sheeana, entdeckt,
das den Würmern, den Shai-Huluds, auch Shaitan, gebieten kann. Die Mutter Oberin Taraza und die Ehrwürdige Schwester Odrade kümmern sich mit ein paar
Mitschwestern darum, kommen nach Rakis. Wie immer sind die Tleilaxu mit von der Partie. Ihren Obermeister Waff beschwatzt Taraza mit allerlei fundamen-talistischer
Religion, auf die die Tleilaxu, die einer "reinen" Form des noch immer allgegenwärtigen, vor vielen Jahrtausenden einmal islamischen Glaubens, dem Shariat, huldigen,
besonderen Wert legen; sie betrügt ihn damit freilich. Überhaupt sind die B.G. stets machtpolitisch orientiert und haben eigentlich gar keinen (religiösen) Glauben,
leben auch ständig in der Furcht vor dem Erscheinen eines neuen Kwisatz Haderach. Waff hatte zuvor auch mit Geehrten Matres zu tun. Sheeana wird in das priesterliche
Heiligtum auf Rakis gebracht und verlebt dort einige Jahre der Erziehung im Geiste der B.G. Die Priesterschaft auf Rakis, die den Shai-Hulud anbetet, ist in sich gespalten,
Intrigen auch hier. Die Fremen sind nur noch Schatten ihres einstigen Erscheinungsbildes, völlig degeneriert. Durch die Intrigen und einen Angriff von Geehrten Matres -
auch für sie hat der Duncan-Ghola eine große Bedeutung, und sie wollen seiner habhaft werden - kommt es auf Rakis zu Kampfhandlungen, die Mutter Oberin stirbt,
Odrade übernimmt die Ordensführung. Der Bashar Teg stiehlt auf Gammu ein Nicht-Schiff der Geehrten Matres und kommt damit nach Rakis. Dort müssen sich die B.G.
zurückziehen, der Bashar unternimmt einen ablenkenden Vorstoß. Während die B.G.-Schwestern von Rakis fliehen, wobei sie Sheeana und einen kleinen Wurm mitnehmen,
wird die Kampftruppe des Bashars und Burzmalis vernichtet, der Wüstenplanet von den Geehrten Matres verbrannt. Arrakis existiert nicht mehr. (Das erfährt man aber erst
im folgenden Roman.)
"Die Ordensburg des Wüstenplaneten"
Der Titel ist insofern irreführend, als der Sitz des Bene Gesserit-Ordens nicht auf dem Wüstenplaneten Arrakis oder später Rakis, sondern auf einer unbekannten Welt
irgendwo im Universum liegt. Originaltitel: "Chapterhouse Dune". Allerdings
arbeiten die B.G. daran, aus dieser Welt einen neuen Wüstenplaneten zu machen, die Wüste auf ihr breitet sich aus, und Würmer gibt es auch schon. Die Melange-Produktion,
die während der äonenlangen Herrschaft des Tyrannen, Leto II., sehr reduziert war (nur die Tleilaxu versuchten in ihren Tanks eine künstliche Melange herzustel-len), ist also
auch in ferner Zukunft gesichert. Die Gefahr durch die Geehrten Matres ist - der Roman spielt wieder Jahre nach der Vernichtung von Dune - ins Unermeß-liche gewachsen.
Ein Planet nach dem anderen des Alten Imperiums wird von ihnen erobert oder vernichtet. Oberin Odrade arbeitet in der Ordensburg - diverse andere Schwestern werden
einbezogen, u.a. Bellonda - an einem Plan, wie die Huren besiegt werden können. Und wer sind sie? Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus: sie gingen aus den
Fischrednern, den Priesterinnen und Kriegerinnen des Tyrannen, in der Diaspora hervor. Sie halten sich Futar, Züchtungen aus Katzen und Menschen, die in den
Quartieren der Geehrten Matres so manche Ehrwürdige Schwester verspeisen und sich auch zum Sex gut eignen. (Wie in der Welt der B.G. haben auch in der der Huren die
Männer nur eine untergeordnete und nebensächliche Funktion, beide sind Matriarchate.) Sheeana hält sich in der Wüste auf und kontrolliert die Würmer. Murbella,
eine Geehrte Mater, die sich auf Gammu den B.G. anschloß ("Die Ketzer des Wüstenplaneten") und Duncan Idaho sind in einem großen Nicht-Schiff auf dem Ordensplaneten
gefangen und suchen nach einer Fluchtmöglichkeit. Sie sind stets in Gefahr, von den B.G. doch noch umgebracht zu werden. Murbella und Duncan sind nun ein Liebespaar.
Zusätzlich leben im Nicht-Schiff der gefangengesetzte Tleilaxu-Meister Scytale (ein alter Bekannter aus dem ersten Band des Romanzyklus), der seinerseits ein Geheimnis
wahrt, und der kindliche Ghola des Bashars Miles Teg, dem wiederum seine Erinnerungen durch eine kinderschänderische Zeremonie zurückgegeben werden. Ordrade
nimmt mit den Geehrten Matres Verhandlungen auf, als Teg, zwar körperlich ein Kind, aber aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrung ein vollwertiger Kämpfer,
wieder in den Dienst der B.G. gestellt ist. Auf Kreuzweg - man bemerkt die sinnige Namengebung Herberts, denn auf dieser Welt entscheidet sich, in welche Richtung
die B.G. gehen -, einem eroberten Planeten, kommt es zum Kampf zwischen den Ehrwürdigen Müttern und den Geehrten Matres. Viele Kämpfer des Bashars finden hier den Tod,
als sie in eine Falle tappen. Zuvor wurde die Große Geehrte Mater durch eine Untergebene getötet, die wieder-um, nachdem sie diese Falle gestellt hatte, von Murbella beiseite
geschafft wird, die somit plötzlich zur Befehlshaberin der Huren wird. Mutter Oberin Odrade kommt bei einem Kampf um. Murbella ist nun in Personalunion Mutter Oberin und
Große Ge-ehrte Mater. Ihr ist, nach dem Plan von Odrade, bestimmt, beide Schwestern-Organisationen zusammenzuführen, was auf dem Ordensplaneten begonnen wird.
Ein Rabbi und seine versteckte Gruppe auf Gammu spielen eher eine Nebenrolle und verdeutlichen auch einmal die jüdische Religionstradition im Imperium. Er und seine
Grup-pe sind aber dabei, als eine Gruppe von B.G., die mit dem neuen Kurs nicht einverstanden sind und ihre Traditionen bewahren möchten, mit der Hilfe von Duncan Idaho - a
uch der Tleilaxu fliegt unfreiwillig mit - sich des Nicht-Schiffs bemächtigt und in eine ungewisse Zukunft in einen unbekannten Teil des Universums fliegt. Duncan verläßt
seine Murbella, die nun größere Aufgaben hat, und Duncan hat ganz zum Schluß noch einmal die Vision, die ihn immer beschäftigte, wie ein schrulliges Ehepaar irgendwo
im Universum dabei ist, Schicksal zu spielen, deren Plänen er aber entkommt: Marty und Daniel, die Rosen züchten und - von Natur aus Gestaltwandler der Tleilaxu -
inzwischen zu mysteriösen Fädenziehern geworden sind, was nicht näher erläutert wird. Auf diese sternennebulöse Weise endet der Zyklus.
III a Geschichte/Mythologie
Sing, O goddess, the anger of Achilles son of Peleus, that brought
SING, O GODDESS, THE ANGER OF ACHILLES SON OF PELEUS, THAT BROUGHT
Die Atriden
IV Facts or Fakes?
"Fair ist foul, and foul is fair:
(Ein Blaupausenspiel: wir legen die Folie des "Wüstenplanet"-Romans, seine renaissance-barockhafte und machiavellistische Folie, über unsere Gegenwart und
beugen uns über die Karte des Planeten Erde, 2003 p.c.)
Für einen Aspekt noch einmal zurück in die seltsam schillernde Zwischenwelt: im arrakischen, nein: irakischen Krieg - der in einer der
frühesten Zivilisationsregionen der Menschheit geführt wird, weshalb man zu diesem Krieg eine ganze Reihe von mythologisch-anthropologischen
Relationen herstellen könnte - liefern die beiden Religionen des fundamentalistischen Islams und des fundamentalistischen Christentums in
der ideologischen Prägung des nordamerikanischen Bible Belt zweifellos den Hintergrund, in der auf beiden Machtseiten selbstverständlich
nur heuchlerisch gebrauchten Variante. So wie der islamistische Jihad unserer realen Welt gegen den “Bösen Satan Amerika” gerichtet ist
(und der “Westen” wird sich im 21. Jahrhundert noch öfters umschauen, ob nicht ein Assassine, ausgeschickt von einem “Alten vom Berge”,
der in einem früheren Jahrhundert, der Überlieferung zufolge, in den iranischen Bergen hockte, hinter ihm den Meuchelmörderdolch
schwingt oder andere, massive Mordinstrumente, und eben dies soll nun, jetzt, ein für allemal verhindert werden, und allein das zeigt den
Wahn, aus dem heraus die Weltgeschicke jongliert werden), der sich mit seiner hohlen Nicht-Kultur und unersättlichen Profitwut den
altehrwürdigen Orient untertan zu machen bestreibt sei, so geht “God’s own country”, auf dessen Dollar-Noten “In God we trust”
gedruckt wird, in einen Krieg gegen das “Böse”, “the evil”, the devil, dessen zeitgenössische Verkörperung Saddam H. sein soll, wie
wir gefälligst zu glauben haben. Oder zu glauben gehabt haben - wenn er am Erscheinungstermin dieser Zeitschrift aus der Welt
geräumt ist, denn gigantische Sandwürmer zum Sturm auf das Hauptquartier des Imperators hat er nicht (hatte er nicht), und die
Melange, das Produkt der Wüste, das Rauschgift unserer auf Kerosin basierenden Zivilisation, wird ihm zum Verderben statt Mittel zur
Machtentfaltung und Förderung des islamistischen Heiligen Kriegs. Nun soll dieser Diktator, der, alles in allem, eher die zweifelhaften
Qualitäten eines Roman-Shaddam IV. aufweist als der Imperator unseres augenblicklichen Roms, nicht blauäugig - also nicht fremenitisch,
und dieses Wort weist wieder auf eine möglicherweise versteckte Anspielung des Autors Herbert hin, auf “jemenitisch” und das Rauschgift
Quat, das dort regelmäßig zu sich genommen wird ... - betrachtet werden und auch nicht durch die Interferenzen einer literarischen Betrachtung
womöglich zu einem good guy erhoben werden, der einer gerechten Sache diene, denn ein bad guy ist - oder war? - er zweifelsohne;
aber Verf. denkt, daß dieser Einwurf unnötig ist.
Wenn man diese hier spielerisch gehandhabte Verschränkung von Phantasie und Wirklichkeit ernster nähme - wäre dann Herbert vor
vierzig Jahren ein Visionär gewesen, ein der Science Fiction wahrhaft würdiger Seher, der im Traum des Schreibens von einer Welt erfuhr,
die von seiner gar nicht so weit entfernt war; ein Jules Verne eines technischeren - und machtpolitisch nackteren Zeitalters? Und kann man,
was bestimmt wichtiger wäre, aus der Lektüre solcher SF den Umgang mit dem täglichen Irrationalen und Scheinhaften sogenannter
politischer Entscheidungsprozesse lernen, Nutzen für eine realistische Weltsicht ziehen, wenn man “doppelt” läse? Viele Fragen, wenig
Antworten. Einige sollten sich aber nun ergeben, wenn die Zitate - auch wenn aus ihren Kontexten gerissen - aus Herberts Zyklus für sich
sprechen.
Aktuelle Bemerkungen zu Frank Herberts "Wüstenplanet"-Zyklus
Forgot the cry of gulls, and the deep sea swell
And the profit and loss.
A current under sea
Picked his bones in whispers. As he rose and fell
He passed the stages of his age and youth
Entering the whirlpool.
Gentile or Jew
O you who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as you.
Im Feuilleton der F.A.Z. erscheinen seit 1999 - im Zeichen der Jahrtausendwende, die in das "Science Fiction-Zeitalter" der Jahre 2000 und 2001 (siehe Stanley Kubriks
Meisterwerk-Film "2001 - A Space Oddity" von 1968) führt - immer wieder einmal ausführliche Artikel über SF und SF-Autoren, z.B. Philip K. Dick, nun vom Redakteur
Dr. Dietmar Dath, selber SF-Autor und früher beim Szene-Musikmagazin "Spex" als Schreiber tätig gewesen, verfaßt. ² Was vor Jahrzehnten noch vom bürgerlichen
Kulturverständnis als nicht satisfaktionsfähig gehandelt wurde, findet nun seinen Platz in einem der Hochkultur-Blätter der bundesdeutschen Publizistik. Freilich nur ganz
weniges vom wirklich Erwähnenswerten, der übliche Schund, der bei den SF-Veröffentlichungen nach wie vor nicht zurückgegangen zu sein scheint, darf sich dort nicht sehen lassen.
Und das ist richtig so. In diesem Zusammenhang hat der Verf. (dieses Artikels) mit Stirnrunzeln den Beitrag von Dr. Holger Eckhardt in NOVA 1 gelesen ³,
wo wieder - wie vor Jahrzehnten - sehnsüchtig die Nichtaufnahme der SF in den allgemeinen Literaturdiskurs beklagt wird. Unter einigem Richtigen, das Eckhardt ausführt,
schimmert wie in den alten schlechten Fandom-Zeiten - und dem Verf. ist nicht bekannt, inwieweit sie sich verbessert haben - die Inferioritätsangst derer, die in der
deutschen Republik Science Fiction verfassen (Ausnahmen, also Schreiber akzeptabler SF, haben wir wenige), durch, die vielleicht gar nicht mehr zutreffen muß.
Beziehungsweise: müßte, lieferte die deutsche SF-Produktion kontinuierlich bessere Bücher. Dem Verf. scheint es es eher so zu sein, daß die Bereitschaft selbst sogenannter
seriöser Medien, einen Blick auf die Science Fiction zu werfen, gestiegen ist, wie die wohlwollend-neugierige Besprechung des Eschberg-Romans "Der Jesus-Komplex"
von F.A.Z.-Mitherausgebers Dr. Frank Schirrmacher vor einiger Zeit in seinem Blatt andeutet. Hier soll nun nicht der Eindruck der Reklame für ein im politischen Teil nach
wie vor rechtskonservatives Presseerzeugnis entstehen; nur fiel dem Verf. das Interesse dieser Zeitung, sich aufgrund der sich seit einigen Jahren beschleunigenden
technologischen Verfahren wie Gentechnik, Virtualitäten, Ökologie, Nanotechnik, Klonexperimenten u.a., mit denen die Science Fiction seit Jahr-zehnten operiert, nun
auch den literarischen Sektor in Augenschein nehmen zu wollen, auf. Kann durch solches Interesse die "Nobilitierung" der SF ihren Anfang haben? Es ist wohl so, daß
die SF auf dem Weg zu einer anerkannten Literatur-gattung ist, und für eine solche Etablierung, für die zunächst nur zu hoffen ist, muß man nicht immer Stanislaw Lem
oder Philip K. Dick heranziehen.
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon."
J.W. von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil, Marthens Garten
"Aus allerlei komplizierten historischen Gründen meldete sich im gründlich getauften Europa an der Schwelle zur Neuzeit (...) schließlich der problematische
Gedanke zu Wort, daß es noch einen weiteren Zivilisierungsfortschritt über den Wechsel von den Religonen der Rache zur Religion der Liebe geben können,
einen, der endlich jeden Rest Mythos hinter sich lassen würde. Auch diese Selbstaufhebung der Weihnachsbotschaft hat schließlich ihre eigene Weihnachtsgeschichte
inspidriert. Sie stammt von einem der einflußreichsten rationalistischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, dem britischen Radiosatelliten-Erfinder,
Wissenschaftsjournalisten und Science Fiction-Autor Sir Arthur C. Clarke, auf dessen Gedankengut unter anderem Kubriks Film "2002 - Odyssee im Weltraum"
zurückgeht. Clarkes Weihnachtserzählung heißt ‚Der Stern' und enrtstand Mitte der fünfziger Jahre als Beitrag zu einem Erzählerwettbewerb des ‚Observer'. Ihr
kontroverser Inhalt ließ die Juroren zurückschrecken, rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit erschien sie dafür aber 1955 in der Novembernummer des Magazins ‚Infinity
Science Fiction', wurde im darauffolgenden Jahr mit dem höchsten Preis der literarischen Science Fiction-Welt, dem Hugo Gernsback-Award, ausgezeichnet, seither in
vielen Anthologien aufgenommen und im Jahr 1985 auch in einer Fernsehspielbearbeitung ausgestrahlt. Der lakonische erste Satz: ‚Es sind 3000 Lichtjahre bis zum Vatikan'
schlägt den Grundton an - der Ich-Erzähler ist ein Jesuitenpater und Astronom, Teilnehmer einer Expedition zum Schauplatz einer der größten Katastrophen im Universum:
Sein Schiff befindet sich im Phönixnebel und durchfliegt dort die Reste einer Supernova. (....)" 6 Dies nur als Beispiel, wie auch das religiöse Thema in der SF in
Zeitungen unserer Tage interessieren kann. Und nicht wenige der zeitgenössischen Astrophysiker und Kosmologen stellen neuerdings wieder die Metaphysische
Frage, wenn sie in ihren Er-klärungsmodellen des Universums, oder Multiversums, buchstäblich an die Grenzen stoßen.
Die ökologische Umwandlung des Planeten Arrakis ist auch ein Akt von Fruchtbarmachung ("seid fruchtbar und mehret euch"): die Wüste soll zurückgedrängt werden,
the waste land, das öde Land und Leben, und ein anderes ermöglichen; das, wie Herbert zeigt, aber den Fremen, den freien Männern, nicht bekomme; nachdem
sie den Jihad des Kwisatz Haderach "vollbracht" haben, den "Kreuzzug" des "vorzeitigen" Messias (der offenbar Krokodilstränen vergießt, weil er ihn "erlaubt" hat) -
und wir erinnern uns, daß der Wanderprediger Jesus von Nazareth, dessen auserwähltes Volk vor seiner Zeit vierzig Jahre durch die Wüste ging (was Herbert in einer Stelle
seiner Romanfolge sinngemäß aufgreift), im mosaischen Denken nicht als der erwartete Erlöser gesehen wurde und wird, der wahre wird noch erscheinen. H. wählt zunächst
auch die Fortschreibung des alten Sozialdarwinismus, durch ein deterministisches Universum, das aber der Gottkaiser "überlisten" will (ganz einfach macht H. es sich also
doch nicht), angeblich vorgeben, in dem der Stärkere, dieses Mal die islamistische Horde, siegt. (Erinnert der Name "Paul" nicht an Paulus, den Apostel? Und wie dieser
wandelt sich auch Paul A. vom Saulus, dem ungläubigen Machtmenschen, zum Paulus, wird Prediger, prangert die Auswüchse und Verschleifungen der von ihm
gegründeten Religion an und - opfert sich zum Schluß. Auch die Vermischung des Frühchristlich-Jüdischen mit dem Griechischen, das im Lauf der Verbreitung der
"frohen Botschaft" während der Spätantike erfolgte, ist in der Figur des Atriden (Atreiden) Paul und seiner "Mission" in den Kulissen des Geschehens sichtbar.)
Nun, um nicht noch weiter auszuholen: die Existenz des Wüstenplaneten, als Melange-Produzent im Zentrum des galaktischen Gewoges, also der Menschheit,
kreisend, auf dem sich die künftige Zukunft des Herbert'schen Universum entscheidet, kann womöglich als eine Metapher für die Entwicklung der
Menschheitsgeschichte gelesen werden, und die "Bündelung", auch "Befragung" der Bewußtseine aller vergangenen Geschlechter ("die wie ein Alb auf den
Gehirnen der Lebenden liegen", wie Karl Marx im "18. Brumaire des Louis Bonaparte" schrieb, und nicht nur im H-Kosmos, sondern in unserem realen), in den Köpfen
der B.G. und der Atreides, die jene Prüfungszeremonie der Fremen erfolgreich hinter sich gebracht haben, könnte dafür sprechen, daß Herbert an eine solche Funktion
seiner Erfindung dachte. Der Wüstenplanet wird zwar von wüsten Gewalten, den Geehrten Matres, die aus der Kriegerkaste der Fischredner hervorgingen, auch
einer religiösen Bewegung - wir denken an den Fisch als eines der Symbole für das Christentum, an den Papst, den "Menschenfischer" ... - zerstört, doch für das
Weiterleben der Sandwürmer - Linus Hauser hat in seinem erwähnten Beitrag viel zur Erörterung, warum H. ausgerechnet einen Wurm als Gottheit verehren läßt,
beigetragen, was auch im Internet nachzulesen ist, wie auch Georg Seeßlens Ausführungen - wird von den B.G. gesorgt, und ein neuer Wüstenplanet, in paradoxer
Verkehrung "neues Leben" (wie ja die Weltreligionen des Jüdischen, Christlichen und Islamischen mit ihren Verheißungen aus der Wüste kamen, am Berg Sinai, in
der Wüste, z.B. empfing Moses das göttliche [Zivilisations]Gesetz), sprießt im letzten Band des Zyklus. Um es nicht zu vergessen: auch die lebensverlängernde Wirkung
des Melange-Genusses greift zusätzlich das Motiv Unsterblichkeit auf, auch soll Melange die Moral heben, was H. aber bezweifeln läßt; wir sehen, wie H.
doch an Veredelung und Vergeistigung und den Über-menschen denkt. (Die Frage, ob H. Nietzsche, den großen Kritiker des Christentums, - richtig - las, drängt sich auf.)
Let me sing among those stars
Let me see what spring is like
On Jupiter and Mars"
OR: HÄNSEL & GRETEL MEET THE WICKED WITCH
countless ills upon the Achaeans. Many a brave soul did it send
hurrying down to Hades, and many a hero did it yield a prey to dogs
and vultures, for so were the counsels of Jove fulfilled from theday
on which the son of Atreus, king of men,
and great Achilles,
firstfellout with one another.
[Ilias, Homer; 1. Buch; Caladan, 9857 p.c, in das zuglahed-idiom des 54. Quadranten trans-formiert von jegolah poddfuz.]
COUNTLESS ILLS UPON THE ACHAEANS. MANY A BRAVE SOUL DID IT SEND
HURRYING DOWN TO HADES, AND MANY A HERO DID IT YIELD A PREY TO DOGS
AND VULTURES, FOR SO WERE THE COUNSELS OF JOVE FULFILLED FROM THE
DAY ON WHICH THE SON OF ATREUS, KING OF MEN, AND GREAT ACHILLES, FIRST
FELL OUT WITH ONE ANOTHER.
[Ilias, Homer; 1st Book; Great Britain 1898 p.c., translated by Samuel Butler]
Pelops aus dem Geschlecht der Tantaliden zeugte Atreus und Thyestes. Ein furcht-barer Fluch lag auf dem Geschlecht und setzte sich fort. Thyestes schlief
mit der Frau des Atreues, König von Mykene, dieser schlachtete seine Söhne ab und setzte sie dem Thystes als Mahl vor und gab ihm ihr Blut in Wein vermischt zu
trinken und verrtrieb in. Eine große Dürre hob an und das Orakel prophezeite dem Atreus, daß die Heimkehr des Thyestes die Not ende. Atreus selbst holte den Bruder
und seinen letzten Sohn Aigisthos nachhause, dieser aber, Aigisthos, tötete Atreus. Aigisthos liebte Klytaimestra, Frau des Atreus-Sohnes Agamemnon; diesen tötete
Aigisthos mit Klytaimestra, denn er hatte seinen Vater Thyestes erschlagen. Klytaimestras Schwester war die schöne Helena; sie wurde von Paris nach Troja geraubt.
Die Kinder des Agamemnos, König von Mykene, und Klytaimestra waren Iphigenie, Elektra und Orestes. Agamemnon zog als Heerführer der Griechen in den Trojanischen Krieg,
wegen Helena, der Gemahlin seines Bruders Menelaos, König von Sparta.
O Götter, grausam spielt ihr mit den Menschen!
Hover through the fog and filthy air."
William Shakespeare, Macbeth, Act One, Scene I, Thunder and lightning. Enter Three Witches.
Vielleicht war Frank Herberts "Wüstenplanet" wirklich seiner Zeit voraus, wie Sascha Mamczak in seinem Herbert ein bißchen zu sehr lobenden Nachwort zum
berühmten ersten Band des Zyklus fragend meint. 14 Zeigt er uns nicht die Verhält-nisse heutiger Tage? Wir konstatieren: eine religiös-politisch motivierte Intrige -
wo auch immer gesponnen, weswegen Verschwörungstheorien durch das bekannte Universum schwirren - macht sich mit einem unübersehbaren Gewaltakt bemerkbar,
der einem Imperator und einigen seiner Vasallen einen wie gerufen erscheinenden Anlaß zu einem Krieg um Rohstoffresourcen und zur Neuordnung bestimmter Regionen des
Einflußbereichs gibt. In einer sarkastischen Verdrehung, die der fließenden Verbindung von Fiktion und Realität geschuldet ist, heißt in unserer roman- und geradezu
kolportagehaften Realität - unserem Nicht-SF-Raum, in dem jedoch eine Trivialität nach der anderen "nachgespielt" wird - der Imperator nicht Shaddam, sondern der
ausgewählte Feind - Saddam. Der Krieg, den das (us-amerikanische) Imperium, auch ohne pseudolegitimatorische Billigung des Landsraats (der UN) und einiger
Großer Häuser (Staaten), gegen einen Wüstenstaat (Arrakis) führt, wird um den Nachschub des wichtigsten Rohstoffs des Imperiums, Melange, der guten fossilen
Mischung (Öl), geführt, aber auch, um eine "Flurbereinigung", eine "Neue Weltordnung", im Imperium und in den angrenzenden Regionen der "Diaspora" herbeizuführen.
Natürlich auch, um bestimmte neue Waffensystems am lebenden Objekt durch die Sardaukar (Truppen des Imperiums) ausprobieren zu können, damit der erst kürzlich
um eine hohe Milliardensumme aufgestockte Rüstungshaushalt, dessen Profit einer alteingesessenen Aristokratie und Oligarchie (Bush & Company) zugute kommt,
gerechtfertigt ist. So wäre also Osama bin Laden eine Art Paul Atreides, ein Mahdi, ein Muad'dib, ein Wüstenmäuschen, das den Jihad, den Heiligen Islamischen Krieg,
gegen das das Universum zwischen den Krallen des nordamerikanischen Seeadlers haltende Imperium mit einer Benen Gesserit-Stimme, die unüberhörbar ist, initiierte?
Schließlich ist auch bin Laden der Sproß einer alten Familie eines Herzogtums, nein: eines Köngtums, Saudi-Arabiens, dessen Oberhäupter in früherer Zeit (uind
wahrscheinlich noch immer) gute Beziehungen zur derzeitig an der Macht befindlichen Herrscherfamilie, den B.s, pflogen. War bin Laden nicht sogar einmal ein Agent des
Imperiums (das allerdings war Paul Atreides nie) gegen eine Konkurrenzmacht, die auch mit seiner Hilfe unterging; in einem Land voller Wüsten und Höhlen, Sietchen, und
versteckte er sich in diesem ersten Teil des jetzigen Krieges nicht in seinem Siech Tabr, in realitas Tora Bora genannt? (Übrigens hatte dieser kleine Krieg nebenbei zur Folge,
daß die Schlafmohnproduktion zur Verwandlung - kommt dieser religiöse Begriff im Glauben der Orange-Katholischen, die es übrigens nach dem vom Kwisatz Haderach
unfreiwillig, denn er wird von Frank Herbert einer deterministischen Philosophie ausgeliefert, geführten Jihad offenbar nicht mehr gibt, auch vor? - in eine im Imperium
und in seinem Einflußbereich für viele unentbehrliche andere Melange, die zum Fliegen und Träumen, für die "Bewußtseinserweiterung" (kein Wunder, daß Herberts Roman,
um wieder auf die untere Rezeptionsebene zu gehen, erst in den Hippie-Jahren Amerikas so viele Leser fand), angeblich benötigt wird, wieder in den Händen der diversen
Warlords ist und also ungestört kultiviert werden kann; denn auch dieses Spice ist für das Imperium wichtig, als Gelegenheit für innenpolitische Ablenkungsmanöver
und allerlei Skurrilitäten. Ist die grüne Fahne der Atreides nicht sehr verwandt mit der Farbe des Islam? So betrachtet könnte es, in zwei Sekunden des Schwebens zwischen
Wahn und Wirklichkeit - in dem sich auch die sich hyperrealistisch gebenden politischen "Führer" unseres Zeitgefüges befinden, denn hatten sie sich nicht monatelang im
Landsraat zum Neuen York auf ein Wahnthema namens "Massenvernichtungswaffen" eingelassen, wohl wissend, daß es die Funktion des Fakes innerhalb einer "Drohkulisse",
einer Fata Morgana für den wüsten Planeten, hatte? - doch auch plausibel sein, in Condoleezza Rice, die sehr wohl weiß, wie wichtig Spice ist, eine dem Imperator über die
Schultern flüsternde Bene Gesserit-Hexe zu sehen? Doch wo hätte der böse Baron Harkonnen in diesem Gebilde seinen Platz? Aberfalls verschwimmt und verschiebt sich die
Szenerie; wir sehen etwas vom Stand der Dinge in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren des Jahrhunderts, in dem dem Saga von der Melange und von der
Entwicklung der Menschheit in ferner Zukunft entstand. "Wladimir" - hieß nicht Wladimir Illjitsch Lenin so? Und befindet sich der böse Baron nicht insgeheim in einem
ständigen Kalten Krieg mit dem Imperator, mit dem er zusammenarbeit, den er aber auch haßt? "Harkonnen" klingt sehr nordisch, die Figuren der Edda-Saga lugen
zwischen den Nebeln des hyperboräischen Weltkreises hervor, und die Harkonnens erwarben ihren Reichtum, wie der Glossar-Appendix erläutert, ja auch mit Walpelzen.
Der Name ist irgendwie auch naziteutsch. Und schwul ist die fette Sau, wie
einstens der fette SA-Chef Ernst Röhm. (Eine gewisse homoerotische Atmosphäre, auf die Georg Seeßlen schon vor Jahren bei der Untersuchung von David Lynchs
Verfilmung des “Wüstenplaneten” hinwies 15 , zieht sowieso durch den Kosmos des Wüstenplaneten. Daran wäre, ließe sich das hineingemengte
Odeur des Semifaschistoiden in den hierarchischen Beziehungen herausfiltern, nichts auszusetzen, gäbe der Baron Harkonnen nicht geradezu
das Wunschbild des Superbösen und Widerlings ab. Freilich sind nicht alle Schwulen sympathisch. Allerdings darf man im Roman “Der
Gottkaiser des Wüstenplaneten” auch eine Erörterung über die kämpferischen Vorzüge von Homosexuellen, ganz im Sinn des Alten
Griechenlands, woher die Atreiden ja stammen, lesen, die fast wohlwollend klingt.) Die MAFEA ist, amerikanisch gesprochen, die Mafia,
die alle Güter hin- und herschiebt? Die Navigatoren-Gilde entspricht den Pilotenvereinigungen unseres Planeten, von deren Mitgliedern zu
wünschen ist, daß sie ohne vorherigen Genuß von Rauschgift fliegen und nicht der Intuition vertrauen, wenn sie in den Mach 1-Raum
gehen; andernfalls sie eventuell in Hochhäusern herauskämen.
So könnte man viel vom Geschehen und Personal samt des der Selbstreferenzialität dieses Universums zugutekommenden Glossars einer
fiktiven histoire auf eine heutige Wirklichkeit projizieren.
Nicht nur die Literatur und die anderen Künste, Film, Malerei, Steinmetzkunst, Architektur, umhüllen unsere sogenannten Realtitäten
mit ihrer Fiktionalität, formen die erfahrene Wirklichkeit auch - die nackten Machtinteressen sind es in viel höherem Maße, daß das, was
wir als “Leben” in seiner materiellen und ideellen Konsistenz, die sich unablässig in sich selbst veformt, zunehmend als irrational und
irreal empfinden mögen, was mit dem alten Gedanken der Entfremdung des Menschen von sich selbst und den ihn umgebenden Dingen,
die er ja, letztlich mit oder ohne Computer, also Automatisierung, selbst herstellt, nicht eben wenig zu tun hat. Was
wir als Medienkonsumenten in den vergangenen Monaten als vermittelte Welt zu sehen und zu hören bekamen, hat schon
einen hohen Grad an Virtualität angenommen. Die wirkliche Welt wurde am Sitz der UN, am geographischen Rand des
amerikanischen Imperiums, zu einem Schattenspiel, in dem die einzelnen “Resolutionen” mit Akten die Akte markierten, die das
Drama eines Angriffskrieges vorbereiteten, der jedem bisherigen Versuch einer höheren Rechtsregelung für die planetaren Völker
den Boden entzog, auf dem dieses ohnehin fragile Experiment vonstatten ging. Die wahrnehmungsfähige Welt, die sehr rasch wußte,
was der eigentliche Grund für das Gaukelspiel der Resolutionen und ihrer angeblichen Relevanz für Krieg oder Frieden war, konnte
sich dennoch dem Sog dieses Schauspiels, von dem jeder wußte, daß es eines war, nicht entziehen; fasziniert vom Mantra des
“Krieges gegen den Terror”, das sich für alle künftigen Ungerechtigkeiten seitens des Imperiums “universell” instrumentalisieren läßt, in
einer Welt der Zukunft, in der jede Rebellion gegen Ausbeutung und Unterdrückung als “terroristisch” denunziert und entsprechend
ausge-merzt werden kann, die diffusen Ängste eines Weltkleinbürgertums mit Häuschen im Grünen bedienend; fasziniert auch vom größeren
Schrecken, der sich darin ankündete, und erstaunt über die eigene Ungläubigkeit, die nicht “realisieren” wollte, wie dieser freche Akt der
Täuschung (und Selbsttäuschung) vollzogen wurde, befand sich eine sogenannte Öffentlichkeit lange wie in sich abgeschlossen, in Trance,
Absence; bewegte sich durch die Welt des erkannten Fakes. Selbst jene, die sich entziehen wollten, waren Teil des big game und versuchten
sich vergeblich aus der Unwirklichkeit zu retten; dadurch bekamen einige Vorstellungen, Fiktionen, die lange als Wirklichkeit galten, Risse,
aus denen etwas noch kaum Geahntes hevorschimmert.